24. Jän 2020

Legenden, Chroniken und Phantasmen von Badr al Din.

Die Sonnenreflexion im schattigsten Eck der Djemaa el Fna wo der Weg in die kühlen Soukhs führt. Ein Lichtschein auf dem zerbrochenen Brillenglas von Badr al Din, dem Erzähler und Poeten. Wie jeden späten Nachmittag, wenn ich ins Café gehe, sieht er mich sofort und winkt mich zu sich. Er trägt seinen Zuhörern, die ihm an den Lippen hängen, unzählige Märchen, Lieder und Rätsel der alten Berbervölker vor. Und erzählt sie in Tamazight, dem heute noch im Mittleren Atlas gesprochenen Berberdialekt.

An manchen Tagen wühlen seine Geschichten auf und verfolgen mich bis tief in die Nacht. Berührt, gerührt und manchmal irritiert versuche ich dann diese fantastischen Anekdoten aus meinem Kopf zu verbannen, indem ich sie auf Büttenpapier und alte Photographien zeichne, in weißer Tusche niederschreibe und bis zum Morgengrauen katalogisiere.
Heute ist der Tag des Opferfestes Eid al-Adha ( عيد الأضحى). Deshalb erzählt mir mein verehrter Poet und Zauberer Badr al Din Bouanani das Märchen anhaara edh anhar en sukkar, walli vu en tazemmeeth!

Heute ist der Tag des Zuckers, nicht des Knetbrotes!

Seine lebendigen Darstellungen werden mich immer begleiten. Das Märchen von Prinzessinnen und Prinzen in goldbestickten Dschallabas. Die Erzählung vom verzauberten Dolch des Sultans, der sich in eine singende Storchenfeder verwandelt. Von Hiais, die in goldenen Fingerhüten Unterschlupf fanden und dort Kif rauchend Tee tranken. Vom Magier und Koch des Königs, der jede Prise Kurkuma auf gegrillten Gambas am Feuer in Diamantsplitter verwandeln konnte. Die Legende von den Romanzen und gefährlichen Abenteuern der atemberaubend schönen Königin Ningam Tigrib.

Nicht zu vergessen sein schöner Vorname Badr al Din, welcher übertragen Vollmond des Glaubens bedeutet.

Badr al Din auf der Djemaa el Fna in Marrakech. Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.


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