Im Jahr 2008 wurde das „Wiener Kaffeehaus“ von der UNESCO in den Adelsstand erhoben und dem Kanon des immateriellen Weltkulturerbes hinzugefügt. Dennoch wird regelmäßig ein mutmaßlich epidemisch grassierendes Kaffeehaussterben beklagt. Die soeben publizierte opulente Monografie „Café de Vienne“ hinterfragt Realität und Mythen und dekuvriert ein buntes Kaleidoskop an wechselseitigen globalen Befruchtungen.
Österreich ist ein Land, in dem jedermann und jederfrau jederzeit nach Veränderung ruft, aber bitte nur unter der Voraussetzung, dass alles so bleibt, wie es ist und wie es immer schon war. Der Status permanenter Veränderungsresistenz – zumindest für einen selbst – ist de facto in einer Art virtueller Verfassung heimischer Tradition festgeschrieben. Granteln aber darf man bitte schon, tagtäglich und allnächtlich. „Das Manna fällt vom Himmel, das Wasser kommt aus der Leitung und der Kaffee aus dem Packerl“, heißt es. Und auch sonst nimmt man alles als selbstverständlich, als gottgegeben hin. „Heimat großer Töchter und Söhne, Volk, begnadet für das Schöne?“ – alles in allem gesegnet. Oder
sollte es doch heißen: „Land der Hemmer, zukunftsbleich“? Doch gemach, Sie wissen, der Zweifel ist eine Hommage an die Hoffnung.
„Das Wiener Kaffeehaus ist ein Ort, in dem Raum und Zeit konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht“, lautet eine Alt-Wiener Weisheit. Doch das klassische Wiener Traditionscafé ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Was bedeutet das vonseiten der UNESCO verliehene Prädikat des immateriellen Weltkulturerbes abseits des reinen Lippenbekenntnisses?
Ein neues Buch versucht, Licht ins Dunkel zu bringen: „Café de Vienne“ beschreibt eine feuilletonistisch-fotografische Expedition zweier bekennender „Koffein-Junkies“, des Autors Gregor Auenhammer und des Fotografen Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Die beiden beschreiben aber nicht das Wiener Kaffeehaus per se, sondern besuchen vielmehr eine „Wunderkammer des Geistes“.
Auenhammer und Sackl-Kahr erzählen die globale Geschichte des Kaffees, erläutern die diversen Sorten, Arabica und Robusta, die Arten der Rösterei, die Aromen der „Wiener Bohne“, die jahrhundertealte Kaffeehauskultur per se, deren Einflüsse, Tradition, Herkunft sowie Ausprägungen im Lauf der Zeit und setzen all das in Kontext mit dem Hier und Jetzt. Während das alte Wiener Café angeblich langsam ad patres zu gehen scheint, erblüht in der Donaumetropole ein buntes Potpourri an Einflüssen aus aller Welt, ersteht ein Bouquet an Düften, Aromen, ein neuer Reichtum an Aspekten und Formen des Genusses von „schwarzem Gold“. Metamorphosen überall …
Naturgemäß beleuchten die Autoren die austriakische Kaffeehausliteratur, die Musik- und Kunstszene, Philosophie, Design, Wissenschaft vom Fin de Siècle bis zum heutigen Tag. „A jed’s Caféhaus sperrt amoi a bisserl zu“, raunten Hans Moser und Paul Hörbiger selig. Das Tschocherl, in dem Qualtinger ein Achterl – „Rot oder Weiß?“, „Na, Slibovitz“ – in die Kehle stemmte, kommt ebenso zu Ehren wie die
„Espressos“ mit ohne Charme. Heutige Refugien, kleine Bars à la Italianità. Kaffee aus Bali, der Türkei, Griechenland, aus Kenia und Vietnam, sie alle haben heute Platz in einer multikulturellen, weltoffenen Stadt wie Wien. Trotz, oder wegen, der typischen Grantler, die als Oberkellner in den
Cafés der Stadt Hof halten?!
Dabei stellen sich die Autoren durchaus diskursiv und konspirativ die Frage, was wirklich „typisch wienerisch“ ist; anhand von Miniaturen, historischen und kulinarisch Recherchen, Schnurren, G’schichtln, Feuilletons, Anekdoten und vielen ausführlichen Porträts. Ausufernd, aber nicht
lexikalisch. Amüsant, ironisierend, mit Augenzwinkern …
Gregor Auenhammers Texte, oszillierend zwischen barocker Opulenz und deskriptiver Sachlichkeit, lyrischer Poesie und historischer Klarheit, treten in einen intensiven Dialog mit den wunderbar aus der Zeit gefallenen, mit einem leichten, eleganten Sepia-Ton angehauchten Schwarz-Weiß- Fotografien von Robert Sackl-Kahr Sagostin.
In der Imagination des Sphärischen und Atmosphärischen kommen Vertreter alle möglichen und unmöglichen Fraktionen und „Glaubenskongregationen“ zu Wort, von der pelzkappen-behüteten Hofratswitwe über Hipster aus Bobostan bis zu „Hausmasters’ Voice“. Mit Widerhaken und Widersprüchen legen die Autoren bewusst manch falsche Fährte, trachten aber stets danach, der Seele des Kaffeehauses nachzuspüren. Selbstverständlich mit Abstechern in ferne Länder und
alte Zeiten. Von Triest über Rom und Paris nach Marrakesch, Kairo, Istanbul, über Hamburg, Berlin, Venedig bis New York und nach Bali – zum Kopi Luwak, dem teuersten Kaffee des Planeten.
Die Autoren versuchen, in Vergessenheit Geratendes zu bewahren, Verschüttetes dem Orkus des Vergessens zu entreißen, verloren Geglaubtes zu exhumieren, zu Unrecht Missachtetes vor den Vorhang zu bitten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ohne Ansatz des ohnehin unhaltbaren An- spruchs des Lexikalischen. Assoziativ, affirmativ. Subjektiv objektiv, als Stachel wider selbstzufriedene Saturiertheit. Wider die Dämonie der Gemütlichkeit.
Entstanden ist ein Kaffeehaus-Guide der besonderen Art, rot-weiß-rote Traditionen und Identitäten hinterfragend, wechselseitige Befruchtungen und Metamorphosen dekuvrierend. Eine Wunderkammer des Geistes, ein Zaubergarten des Analogen, als Hommage an die Stadt, als Hymnus an
das Leben. Frei nach der Einsicht: „Österreich ist überall – und nirgendwo!“