Eine Wunderkammer voller Bilder
Ein neues Buch über jene Institution, die Wien seit Jahrhunderten prägt wie kaum eine andere, versetzt den Leser mitten in die Atmosphäre der klassischen Wiener Kaffeehauskultur. Mit Geschichten, Anekdoten und Abenteuern rund um das Wiener Café.
Danielle Spera
über das neu erschienene Buch
CAFÉ DE VIENNE
Gregor Auenhammer und Robert W. Sackl-Kahr Sagostin unternehmen eine feuilletonistisch – fotografische Expedition durch die klassische Wiener Kaffeehauskultur und ihre weltweiten Ausstrahlungen – und sie tun das mit spürbarer Leidenschaft, Kenntnis und einem gewissen liebevollen Übermut.
Auenhammer nähert sich dem Thema nicht systematisch, sondern assoziativ. In kurzen, oft pointierten Kapiteln spannt er den Bogen von der Geschichte des Kaffees und der „Wiener Bohne“ über die Typologie der Kaffeehausgäste bis hin zu den globalen Verästelungen der Kaffeehauskultur: von Wien nach Triest, Rom und Paris, weiter nach Marrakesch, Istanbul, New York oder Bali, wo der legendäre Kopi Luwak als teuerstes „schwarzes Gold“ auftaucht. Den Leser erwartet keine chronologische Darstellung, das Buch lädt eher zum Blättern, Verweilen, Wiederentdecken ein, so wie man im Kaffeehaus entspannt innehält.
Auenhammer schreibt im Geiste des klassischen Wiener Feuilletons, bildreich, anspielungsreich, mit Lust an der Abschweifung und an der kleinen, schrägen Beobachtung am Rande. Manchmal gerät die Prosa dabei fast barock, doch gerade diese Überfülle passt zum Sujet: Das Kaffeehaus als Ort der Überlagerungen, in dem Klischees, Erinnerungen , Legenden und Alltagsrealität ineinanderfließen. Besonders reizvoll ist, wie konsequent der Autor die Wiener Kaffeehauskultur aus ihrer vermeintlich nationalen Enge herauslöst und als Produkt von Durchmischung und Migration begreift – von der französischen Patisserie über die böhmische Küche bis zur italienischen Lebensart.
Robert W. Sackl-Kahr Sagostin liefert dazu die visuelle Partitur. Seine in Monochrom-Tönen gehaltenen Fotografien sind von heute und wirken doch wie aus der Zeit gefallen. Sie zeigen Interieurs, Spiegelungen, Böden, Lampen, leere und besetzte Tische – Räume, in denen Menschen auftauchen, aber nie die Hauptrolle spielen. Das atmosphärische Licht, die Patina, das Spiel von Glanz und Abnutzung erzählen von jener spezifischen Mischung aus Melancholie, Behaglichkeit und leiser Exzentrik, die das Wiener Kaffeehaus so schwer erklärbar und doch sofort wiedererkennbar macht. Wir sind dankbar auch für das wunderschöne Bild aus dem früheren Café Eskeles, das auch eine NU-Ausgabe zeigt: Jene, mit der unvergleichlichen Hedy Lamarr am Cover.
Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – manche prominenten Häuser tauchen nur am Rande auf, touristische Ikonen werden eher skeptisch behandelt. Statt dessen richtet Auenhammer den Blick auf Eigenheiten, Randfiguren, Brüche und Verluste, etwa auf das „Kaffeehaussterben“ der letzten Jahrzehnte, dem parallel eine neue, oft qualitätsbewusste Café-Szene gegenübersteht. Gerade darin liegt die Stärke von „Café de Vienne“: Das Buch ist weniger Denkmal als Debatte, weniger Nostalgiealbum als Reflexion darüber, was diese Orte einmal waren, was sie heute sind – und was sie vielleicht wieder werden könnten. Es lädt dazu ein, das Kaffeehaus nicht nur als touristisches Klischee oder kulinarische Adresse zu sehen, sondern als sozialen Raum, als Bühne für Einsamkeit in Gesellschaft, für zufällige Begegnungen und leise geistige Funken. Fazit: „Café de Vienne – Eine Wunderkammer des Geistes“ ist ein prachtvoll gestaltetes, sinnliches Buch, das sich auch als Geschenk empfiehlt – für Wien-Liebhaberinnen und -Liebhaber, für Kaffee-Afficionados ebenso wie für alle, die gern mit einem starken Espresso und einem guten Text in Gedanken auf Reisen gehen, reich belohnt mit neuen Blicken auf eine scheinbar vertraute Institution und mit Bildern, die man so schnell nicht wieder vergisst.
Danielle Spera, NU - Jüdisches Magazin für Politik und Kultur, JÄNNER 2026
Ins Kaffeehaus: Eine Expedition
Atmosphäre.
Was macht die Eigenart der 130 heute noch existierenden Wiener Traditionscafés aus?
DIE WELT BIS GESTERN
VON GÜNTHER HALLER
Über das neu erschienene Buch
„Café de Vienne.
Eine Wunderkammer des Geistes“
Gregor Auenhammer (Text)
Robert W. Sackl-Kahr Sagostin (Fotografie)
Warum geht man in Wien ins Kaffeehaus? Gemeint ist: in eines der altehrwürdigen Cafés, um deren Existenz man sich bekanntlich Sorgen machen muss? Weil man nicht anders kann, so Thomas Bernhard: „Da ich an der Kaffeehausaufsuchkrankheit leide, bin ich gezwungen, immer wieder in ein Literatenkaffeehaus hineinzugehen, auch wenn sich alles in mir dagegen wehrt.“
Doch was sucht der Besucher, die Besucherin hier? Keine der unzähligen Anekdoten, die wir über das Wiener Kaffeehausleben der Vergangenheit im Kopf haben, geht ein auf die Qualität des Produkts, das hier serviert wurde. Man nahm es offenbar in Kauf, hie und da ein schlechtes Gesöff, ein „Gschloda“, serviert zu bekommen. Es ist die Atmosphäre des Raums, die den Geschmack des Getränks schlägt. Wobei immer schon galt: Das Ambiente konnte durchaus aus leicht verschlissenen Sitzecken und Wänden, die laut nach einem neuen Anstrich riefen, bestehen. Heimito von Doderer, ein Stammgast des legendären Café Hawelka, sagte einmal, das Lokal sei deswegen unsterblich, „weil Herr Hawelka nicht renoviert“.
Somit bleibt immer noch die Frage offen, was der Besucher, nein, nicht der Besucher: der „Bewohner“ (Alfred Polgar), hier suchte. Die Gesellschaft anderer? Das können wir von einem stadtbekannten Grantler wie Thomas Bernhard nicht annehmen. Er zog sich im Café Bräunerhof in seine Fensternische zurück und man konnte nichts ausnehmen von ihm als zwei Hände, die eine großformatige Zeitung hielten. Auch Doderer meinte: „In Wien geht man ins Café, um sich zurückzuziehen, und jeder setzt sich, inselbildend, soweit wie möglich von jedem anderen.“ Allein sein, aber in Gesellschaft, das war das Ziel.
Rot-weiß-rote Identitäten
Wien verkauft sich gern als die Wiege der abendländischen Kaffeehauskultur und als Gralshüter dieser wohldosierten Halböffentlichkeit mit Marmortischen, Thonetstühlen, Logenplätzen an hohen Fenstern und einer Innenausstattung, die an die goldene Ringstraßenära erinnert. Doch es geht schon lang nicht mehr um eine lokale Besonderheit, auch wenn es angeblich ein wesentlicher Bestandteil der austriakisch-kakanischen Identität ist. Der Journalist und Autor Gregor Auenhammer beschreibt in seinem neuen Buch „Café de Vienne“, wie sich die Wiener Kaffeehauskultur wie ein Spinnennetz über die Metropolen der Welt verbreitet hat. Seine Tour d’Horizon führt von Wien nach Triest, Rom und Paris, von Marrakesch bis Buenos Aires, und er erinnert daran, dass die erste Ausschank von Kaffee in Europa in England stattfand, in einem Pub in Liverpool. Weil man diesem Gewerbe keine große Zukunft voraussagte, wurde es nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Das war wohl ein Fehler. Vor allem hinterfragt das Buch rot-weiß-rote Traditionen und Identitäten. Ohne Einflüsse wäre nämlich die Wiener Kaffeehauskultur undenkbar. „Das klassische Wiener Kaffeehaus lebt von der französischen Patisserie, der böhmischen Küche, der italienischen Lebensart.“ Der Cappuccino entstand angeblich, als in Norditalien stationierte österreichische Soldaten der Habsburger-Monarchie ihren gewohnten Kapuziner, eine Wiener Kaffeespezialität, verlangten.
Gregor Auenhammers Annäherung an das Thema ist eigenwillig und subjektiv. Wie in seinen kenntnisreichen Büchern über die Flüsse, die Brunnen und die Fassaden Wiens assoziiert er in wilder sprachlicher Tour de Force drauflos, schlägt gedankliche Kapriolen, „Worte jonglierend und zu Kaskaden schlichtend“, nennt er das selbst. Offensichtlich sieht er sich als Autor in der Tradition des klassischen Wiener Zeitungsfeuilletons, das einst hundert Jahre lang florierte und 1938 ausgelöscht wurde. Man sollte daher nicht wie der Rezensent den Fehler machen, das Buch von vorn bis hinten zu lesen und sich über das Fehlen von Chronologie und stringenter Themenführung sowie unerklärliche Auslassungen zu wundern.
Warum wird das Café Landtmann nur in einem Nebensatz erwähnt und das Prückel nur en passant? Touristisch stark besuchte Cafés werden bei Auenhammer mit Verachtung bestraft. Mein Tipp daher: Man sollte die sprunghafte Methode des Autors auch als Leser übernehmen, interessant klingende Fundstellen, von denen es genug gibt, aufsuchen und wie ein Stadtflaneur die Orte in dem Buch besuchen, in denen die Welt der seltsamen Geschichten und Legenden rund um den Kaffee ausgebreitet werden.
Man kann sich dabei an der grandiosen Fotoserie des Grazer Künstlers Robert W. Sackl-Kahr Sagostin erfreuen. Seine Kaffeehausinterieurs, monochrom, von heute und dennoch alt anmutend, wie aus der Zeit gefallen, „sphärisch entrückt“ nennt das Auenhammer, sind ein besonders eindrucksvolles Plus dieses schönen Buches.
Günther Haller, DIE PRESSE, 18. Oktober 2025
Befreit von Patina
Das „Wiener Caféhaus“ wurde 2008 von der Unesco zum Welterbe ernannt. Dennoch wird regelmäßig epidemisch grassierendes Kaffeehaussterben beklagt. Anlässlich des Internationalen Tags des Kaffees am 1. Oktober erscheint nun die Monografie „Café de Vienne“.
STANDARD-Autor Gregor Auenhammer und der Fotograf Robert W. Sackl-Kahr Sagostin auf ihrer Tour d’Horizon durch sämtliche Institutionen.
„A jed’s Kaffeehaus sperrt amoi a bisserl zu“, sang dereinst in wunderbar melancholisch-nasalem Timbre Hans Moser, Gott hab ihn selig. Man schrieb das Jahr 1947 – und damals begann schon das Phänomen des sogenannten Caféhaus-Sterbens, befeuert auch durch den kometenhaften Aufstieg der kleinen, schnelllebigen „Espressos“, mit ohne Charme. Seitdem sind Jahrzehnte ins Land gezogen, von Jahr zu Jahr geben namhafte Cafétiers das Ende ihrer Etablissements bekannt. Allein in der letzten Dekade haben über ein Dutzend der Ur-Wiener Institution, altehrwürdige verlängerte Wohnzimmer, ihre Pforten für immer geschlossen. Man entsinne sich literatur-historisch relevanter Cafés wie dem Griensteidl, das einst als Tempel der Muse, des Feuilletons, des unabhängigen Journalismus, der Kultur und Demokratie diente, das nun am Altar des Kapitalismus zum Konsumtempel umfunktioniert wurde. Zugleich entstanden aus dem Nichts, wie Phönix aus der Asche, neue Refugien der Kaffeetradition, aus aller Herren und Damen Länder kommend siedeln sich Menschen in Wien an, weil sie in der Wiege der Kaffeehaustradition Hoffnung für das Neue hegen. Sie sind gekommen, um zu bleiben.
Es geziemt sich nicht, zynisch oder larmoyant in morbide Melancholie verfallen zu wollen. Man muss stets die Contenance bewahren, n’est-ce pas? Solange es „den“ Wiener gibt, gibt es ein Wiener Caféhaus, mitsamt Nonchalance und Charme désolé. Das älteste seiner Art ist das Frauenhuber, dessen Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen, das jüngste jenes, das morgen, übermorgen, oder überübermorgen neu aufsperrt. Auch die Art der Konsumation verändert sich. „To go“ war früher ein „No-Go“, heute ist es urbane Normalität. Zudem gibt es mobile Cafétiers – auf Rädern, Motorrollern und Foodtrucks – teils mit überraschend fantastischer Qualität.
Österreich ist überall – in „dera Wöd“
Die „Zuag’rasten“, wie „der echte Wiener“ neue Mitbürger gerne apostrophiert, leisten etwas, das man als „wechselseitige Befruchtung“ beschreiben muss. Und doch, so fern sind die „Neuen“ gar nicht, so neu ist das Neue gar nicht, so fern ist das Alte nicht vom Ins-Land-Getragenen. So stellt man fest, dass manche Kekssorten in Madrid auch heute noch nach Wiener Rezepten gebacken werden, dass es „arme Ritter“ à la Habsburg in Montevideo wie in Spanien gibt, gebacken in einem Frauenkloster, das eine Hofdame der Habsburger Infantin, der späteren Königin Isabel, vor dem Spanischen Erbfolgekrieg auf die Iberische Halbinsel exportiert hatte.
Andererseits gibt es heute in Wien einen Exil-Portugiesen, der auf Lastenrädern wunderbare Pastel de Nata anbietet, ganz ident den alten Rezepten des Jerónimo-Klosters im Lissaboner Stadtteil Belém. Nicht zu vergessen der talentierte August Zang, Zeitungsverleger, Politiker, der, angewidert von seiner Heimatstadt Wien, einst als Bäcker das Kipferl nach Paris exportierte – umgekehrt existieren heute einige erlesene Cafés mit französischem Savoir-vivre und frischen Croissants in der Bundeshauptstadt. Die Tour d’Horizon entlang der Wiener Caféhauskultur führt von Triest über Rom und Paris nach Marrakesch, Kairo, Istanbul, nach Hamburg, Berlin bis New York und nach Bali – zum Kopi Luwak, dem teuersten Kaffee des Planeten. Übrigens: Der global Italiens Röstkunst zugeschriebene Cappuccino wurde seinerzeit von österreichischen, die Besatzungsmacht begleitenden, in der Lombardei stationierten Kapuzinermönchen kreiert. Frei nach der Einsicht: „Österreich ist überall – und nirgendwo!“
Dieser Tage, in denen fast alles, was man sagt, auf die Gold-Waagschale gelegt wird kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, alles sei eine Glaubensfrage. Selbst der Genuss des einst „von de Kaffern“ importierten Kaffees mutiert zum Glaubenskrieg. Robusta, Arabica, Wiener Bohne, Triestiner Röstung – alles wird zum Glaubenskrieg, geführt von den seltsamen Kongregationen des unheiligen Ungeistes der Intoleranz.
Muss man mit dem Untergang des Abendlandes rechnen? Hatte Peter Handke bei der Ballade des letzten Gastes an die Cafés von Zweig und Joseph Roth gedacht? Ist Samuel Becketts Worstward ho – Aufs Schlimmste zu prophetisch zu interpretieren?
Es gilt in Vergessenheit Geratendes, zu Unrecht Missachtetes vor den Vorhang zu bitten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ohne Ansatz des ohnehin unhaltbaren Anspruchs des Lexikalischen. Assoziativ, affirmativ. Subjektiv, objektiv, als Stachel wider selbstzufriedene Saturiertheit. Wider die Dämonie der Gemütlichkeit. Im Sinne und im Geiste des seligen Hans Moser heißt es dann beschwingt „Ober zahlen, Ober zahlen, bittescheen…“ Mit Grandezza versteht sich, raunte doch die typische Wiener Melange eines Grantlers mit Herz einst im Duett mit Paul Hörbiger Der Wiener braucht sein Stammcafé.
Na oisdann, gemma, gemma …
Gregor Auenhammer & Robert W. Sackl-Kahr Sagostin
Café de Vienne
Eine Wunderkammer des Geistes
€ 48,- / 272 S.
Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2025
Präsentation:
Sonntag, 5. Oktober 2025, 11.00 Uhr
VHS Urania – Eintritt frei
DER STANDARD, 27. September 2025
Das Wiener Kaffeehaus
Daniel Voglhuber
anlässlich der Neuerscheinung der Publikation
Gregor Auenhammer – Robert W. Sackl-Kahr Sagostin
Café de Vienne
Eine Wunderkammer des Geistes
€ 48,- / 272 S.
Bibliothek der Provinz
ab Anfang Oktober 2025 erhältlich
Die Cafés sind Bühne, Arbeitszimmer, Zufluchtsorte – und stecken voller Klischees. Doch die Wiener Kaffeehauskultur strahlt über Österreich hinaus – und empfängt Einflüsse zurück, wie ein neues Buch zeigt.
Kaum ein Ort ist so Klischeebeladen wie das Wiener Kaffeehaus. Dass der Kaffee so dünn sei, dass er eher Abwaschwasser gleicht. Kommt schon vor, aber es geht auch gehaltvoll. Oder dass hier ältere Herren „Herr Generaldirektor“ genannt werden. Stimmt tatsächlich, aber doch nicht immer.
Und dann sind da – natürlich – noch die grantigen Kellner, diese mythischen Gestalten, die den Verlängerten auf den Tisch knallen. „Es gibt sicherlich Kaffeehäuser, bei denen es kein Wunder ist, dass sie eingegangen sind – Orte, an denen die typischen Grantler zu Hause waren“, sagt Gregor Auenhammer. Und: „Der Grant, der den Wienern nachgesagt wird, ist ja vergleichbar mit dem Vorurteil über die Franzosen. Beides stimmt nur bedingt. Ein Grantler bleibt nur so lange einer, bis man ihm freundlich begegnet. In Paris ist es ähnlich – begrüßt man jemanden im Café freundlich auf Französisch, wird man ebenso freundlich behandelt. Tritt man hingegen auf Englisch auf, sieht die Sache ganz anders aus.“
Auenhammer weiß, wovon er spricht. Der Autor hat unzählige Kaffeehaus-Besuche hinter sich und gemeinsam mit dem Fotografen Robert W. Sackl-Kahr Sagostin am Buch „Café de Vienne“ gearbeitet, das Anfang Oktober erscheint. Gerade rechtzeitig zum Tag des Kaffees am 1.10.
Fotografische Expedition
Wer jetzt eine weitere klassische Chronik des Wiener Kaffeehauses erwartet, wird enttäuscht. Dieses Buch ist eine „feuilletonistisch- fotografische Expedition“, die das Wiener Kaffeehaus auf ungewöhnliche Weise erkundet: zwischen Klischee, Genuss und Weltkultur, mit neuen, alt anmutenden Fotos und stilistisch üppig wie eine Cremeschnitte.
„Wir wollten fragen: Was macht das Wiener Kaffeehaus eigentlich aus? Wo kommt es her, welche Einflüsse prägen es, wohin strahlt es aus? Und wo findet man diese Kaffeehauskultur heute noch“, erklärt Auenhammer.
Denn das Wiener Kaffeehaus ist keine reine lokale Angelegenheit: Vom Jugendstil-Kaffee in Kairo bis zum Café Sabarsky in New York zeigt sich, dass diese spezielle Kaffeehauskultur weltweit ihre Spuren hinterlässt – und gleichzeitig neue Einflüsse nach Wien zurückströmen. Äthiopische, griechische oder vietnamesische Cafés in der Hauptstadt sind heute selbstverständlicher Teil des Ganzen. „Das Kaffeehaus zeigt sich hier als Spiegel einer multikulturellen, pluralistischen Gesellschaft, die ineinanderfließt.“
Kaffeehauskultur gibt es auch in Buenos Aires oder Paris. Was macht also das Wienerische aus? „Das Glas Wasser, das den Kaffee begleitet und die Geschmacksnerven auf besondere Weise anspricht.“ Wienerisch ist der Mittagstisch mit Schnitzel, Frittatensuppe und vegetarischen Menüs. Ohne Einflüsse wäre die Kaffeehauskultur undenkbar. „Das klassische Wiener Kaffeehaus lebt von der französischen Patisserie, der böhmischen Küche, der italienischen Lebensart“, sagt Auenhammer. Selbst der Cappuccino hat einen kleinen Reisepass: Er basiert auf dem Kapuziner, der mit österreichischen Besatzungstruppen nach Italien gelangte – und dort zu dem wurde, was wir heute kennen.
Doch Wien hat ein Alleinstellungsmerkmal: Hier kann man Mokka einfach als Mokka bestellen – sonst nirgends. Die Reise des Kaffees begann im jemenitischen Mekka, seine Heimat sozusagen. Im Osmanischen Reich war er eine Zeit lang sogar verboten: Großmufti Mehmed Ebussuud Efendi erklärte Kaffee für „haram“ und sorgte sich, dass Kaffeehäuser die Menschen vom Moscheebesuch abhalten könnten.
Den Kaffee versüßen
In Wien war man ebenfalls vorsichtig: „Es gab zunächst Skepsis, weil der Kaffee bitter und stark war und auf die Nerven gehen konnte“, erklärt Auenhammer. Doch kombiniert mit Mehlspeisen entstand daraus ein Gesamtkunstwerk.
Auch typisch wienerisch: „Man bezahlt zwar den Kaffee, aber bekommt im Endeffekt weit mehr geboten.“ Tageszeitungen, die in den Holzstöcken warten, leise Klaviermusik im Hintergrund – das Café als Erlebnisraum. „Es ist eine Wunderkammer des Geistes“, sagt Auenhammer, und genau so lautet auch der Untertitel des Buches. Bevor man sich also über die Wucherpreise für einen Großen Braunen aufregt, lohnt es sich, kurz innezuhalten – und das Gesamterlebnis auszukosten. Von den klassischen Wiener Cafés gibt es heute nur noch ein paar Dutzend, sagt Auenhammer. Während er und Fotograf Robert W. Sackl-Kahr Sagostin am Buch arbeiteten, mussten gleich mehrere Häuser schließen. „Gleichzeitig aber entstehen neue, oft kleine Cafés – und die legen erstaunlich hohes Niveau an den Tag“, sagt der Autor, der sich gern mit Dingen beschäftigt, von denen es heißt, sie seien dem Untergang geweiht. Bücher, Theater, Kino – allesamt schon totgesagt, erleben sie wieder einen erstaunlichen Aufschwung. Und Auenhammer hat Hoffnung: Auch die jungen Menschen, denen man gerne nachsagt, sie würden lieber aufs Smartphone starren als auszugehen, könnten den Weg ins Kaffeehaus zurückfinden. Denn auf dem Display warten keine echten Freunde, keine Ratschläge, kein lebendiger Austausch.
„Das reale Leben wird zurückkehren – und mit ihm eine Wiederbelebung des Cafélebens.“
Daniel Voglhuber, KURIER Freizeit, 27. September 2025
Füllhorn des Universellen
Fotografie & Kunst
Ein obsessives Verlangen, das Leben mit Kunst zu durchdringen, das Leben selbst durch Kunst zu erfahren, zu erleben, zu präzisieren, zu optimieren, im Sinne eines aus der Zeit gefallenen ästhetischen Anspruchs, wider selbstzufriedene Saturiertheit, wider utilitaristische, praktische Gefälligkeit, gar Kapitulation vor der Unbill des Alltäglichen, ist in allem, was Robert Sackl-Kahr Sagostin bislang geschaffen hat, spürbar.
Augenscheinlich wird dies in dem universellen Fuellhorn, einer Art Wunderkammer des Staunens, das uns der dem Sinnlichen und Schoenen Verschriebene dieser Tage vor Augen legt.
The Divine Life versammelt Werkserien aus unterschiedlichsten Kunstsparten: Fotografie, Grafik, Illustration, Industriedesign, Bildhauerei, Malerei, Architektur, Bühnenbild, Entwürfe von Logos, Typografie et alii. Die fünf Jahrzehnte kreativen Daseins präsentierende Werkschau – besser Zwischenbilanz genannt – ist aber keine Aneinanderreihung des Einzelnen, sondern dekuvriert das obsessive Zusammenspiel aller Komponenten. Obsessiv das Leben mit Kunst durchdringend. Sackl-Kahr Sagostin, 1960 in Graz geboren, aufgewachsen in Triest und Graz, pendelt als Weltenbürger zwischen Marrakesch, Venedig, Wien, Paris, Ljubljana, Rom. Als Melange eines präzisen Beobachters und zugleich melancholischen Renaissancekünstlers oszilliert sein Schaffen zwischen Zeichen und Zeiten. Sackl-Kahrs (bisheriges) visuelles Vermächtnis zeugt vom Festhalten eines entschwindenden Geistes, archaisch, luzide, hedonistisch, adäquat dem Humanismus eines sensiblen Seismografen. De facto eine Wunderkammer des Geistes, beseelt vom Charme des Analogen.
Gregor Auenhammer, DER STANDARD, 13. Mai 2023
FERNER SEELEN REISEN
Italo Calvino gebar einst die Variation von William Hazzlitts These, dass nur eine in die Luft gebaute Stadt die „Stadt des Wassers“ übertrumpfen könne, als Raumfahrtsodyssee. Diesem exotisch-exzentrischen Eskapismus nähert sich Robert W. Sackl-Kahr Sagostin auf seine ganz eigene Art und Weise. Der 1960 in Graz Geborene widmet den vielen als Sehnsuchtsorte geltenden Städten Venezia Paris Trieste eine Hommage, quasi als fotografische Zwischenbilanz, als topografische Verortung seiner Vita. Es kann aber wohl kein Zufall sein, dass bei der Verteilung der Anteile der Trias die Serenissima eindeutig gewonnen hat. „Eine Träne vergießt sich hier bei mancher Gelegenheit. Wenn man annimmt, dass Schönheit die Verteilung von Licht auf die der Netzhaut kongenialste Weise ist, dann ist eine Träne das Eingeständnis der Unfähigkeit der Netzhaut wie auch der Träne, Schönheit festzuhalten“, schrieb Joseph Brodsky in Ufer der Verlorenen.
Hier kommt Sackl-Kahr Sagostins fotografischer Ansatz ins Spiel. Vom Festhalten eines entschwindenden Geistes, einer Spiritualität, einer Philosophie zeugen seine archaischen
Schwarz-Weiß-Aufnahmen – adäquat der Stimmung der Orte voll Wehmut.
Das allmähliche, aber unaufhaltsame Verschwinden einer Geliebten bereitet immer Schmerz. Venedig droht zu entschwinden. Unentwegt. Wie sagte Brodsky: „Wie die Welt beschaffen ist, ist die Stadt die Geliebte des Auges. Danach ist alles Enttäuschung. Eine Träne ist die Antizipation der Zukunft des Auges.“ Sic!
Gregor Auenhammer, DER STANDARD, 3. Oktober 2020
ROBERT W. SACKL-KAHR SAGOSTIN
He first began experimenting in his grandmother’s darkroom and went on to become a passionate artist, with the air of a storyteller surrounded by a hint of the monarchy.
Known as a master of detailed depictions, Robert Sackl-Kahr Sagostin seems to have come from a bygone era, a modern-day Oscar Wilde, as it were. His work flourishes, immersed as he is in the environment of a creative family. He lives with his wife – herself a concert pianist – in a household that embraces the arts. He is currently exhibiting with Andreas Lendl at the Haus der Kunst: “The exhibition at the Haus der Kunst will feature photo-graphs taken over the past few years. Places where I spent the most time – Paris, my wife’s hometown – and Trieste and Venice,” says the artist, who has studios in Graz, Paris, and Marrakech. Sackl-Kahr Sagostin has worked as an independent professional graphic artist and photographer since 1982 and his work has been exhibited in Europe, Africa, Asia, and the US. A sense of restlessness has impelled the native of Graz to travel around the globe. He spent much of his youth with his grandmother in Trieste, where he discovered the magic of photography at a very early age. Even as a preschooler in his grandmother’s studio, he had the opportunity try out a whole host of different cameras and experiment in the darkroom.
He discovered his love for Polaroid photography years later when he founded his own studio in Marrakech after completing studies in Milan, Parma, and Venice. “In my work with photographic portraits, I was influenced by the slow and meticulous creative process that characterizes Lucian Freud’s paintings,” confides the Styrian artist. For the past 40 years, Sackl-Kahr’s work has been crowned with medals, prizes, and awards, including on of the first Polaroid Awards.
Steiermark Exclusiv Magazin, September 2020
AD PERSONAM
Robert W. Sackl-Kahr Sagostin im Rathaus Graz
80 photographische Szenen aus 40 Jahren.
Ein kleiner Ausschnitt aus dem Porträtarchiv mit ungefähr 2.000 Aufnahmen.
Private und öffentliche Begegnungen in Österreich, Frankreich, Italien und anderswo.
Bilder, die zwischen 1975 und 2015 entstanden sind.
„Ein Portrait ist der intimste Akt, man kann nicht tiefer in einen Menschen und dessen Seele eindringen, als durch Augen, die auf einen gerichtet sind.“
Nicht der Überraschungsmoment zählt in den Bildern von Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, sondern eine unvoreingenommene Nähe, die das vertraute Verhältnis zum Gegenüber dokumentiert. Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, 1960 in Graz geboren, verbrachte einen Großteil seiner Kindheit bei der Großmutter in Triest und kam sehr früh in Kontakt mit der Fotografie. In deren Atelier experimentierte er schon im Vorschulalter mit den verschiedensten Kameras und in der Dunkelkammer. Viele Jahre später, nach Studien der Malerei und Graphik in Mailand, Parma und Venedig entdeckte er in seinem Atelier in Marrakech die Liebe zur Polaroidfotografie und er schuf großformatige Tagebücher indem er Sofortbilder, Malerei und Abzüge fotografischer Platten miteinander kombinierte. So erstanden unzählige Tableaus mit Portraits, Landschaften und arabischen Texten in Mischtechnik.
Die Bildauswahl (…) zeigt eindrucksvoll die Ruhelosigkeit, die den Künstler in 55 Jahren durch die Welt getrieben hat. Neben den Ateliers in Marokko, Israel, Frankreich und Graz hat Sackl-Kahr Sagostin auch überall sonst Menschen porträtiert, mit denen er in Kontakt war. (aus: Rachel Friedman, in: Israel Panorama, 2015)
www,gat.st ARCHITEKTUR STEIERMARK - Ausstellungen, 20. Oktober 2015
WENN DER BERG RUFT…
Als Fotograf und Grafiker fusionierte Robert W. Sackl-Kahr Sagostin kongenial des Arlbergs Status quo mit historischen Plakaten, Fakten, Karten, Fotos und Zeichnungen. Famos!
Als der juvenile Hannes Schneider (1890-1955) einen auf losen Brettern im Schnee rutschenden Mann beobachtete, entdeckte er seine Leidenschaft für den Skisport. Er überredete den örtlichen Schlittenbauer, ihm ähnliche Holzlatten zurechtzusägen. Die experimentelle Montage an den Schuhen nahm er selbst vor, mit Fäden, Seilen und Brettern. Im Alter von 16 gewann er erste Skirennen, mit 20 die 1. Schweizer Skimeisterschaft. Eigendynamik bekam seine Vita, als er den Hotlier Rudolf Gomperz kennenlernte, der ihn als Skilehrer engagierte. Ein Novum, die Gründung der weltweit ersten Skischule bedeutend. Gemeinsam entwickelten sie die sogenannte Arlberg-Skitechnik. Durch den Bau von Seilbahnen brachte der Hotelier jüdischer Abstammung den Wintertourismus in Schwung. Als die Nazis 1938 die Macht übernahmen, flüchtete Schneider in die USA, entwickelte Skigebiete im North Conway. De facto ist er Ahnherr der aktuellen WM in Vail & Beaver Creek. Sieben Jahrzehnte später errichtete Stuben seinem größten Sohn ein Denkmal. Gomperz wurde 1942 im KZ Maly Trostinec ermordet, geriet weitgehend in Vergessenheit.
Die Historie der Pioniere bildet den Ausgangspunkt des (zu Recht als Gold-Edition apostrophierten) grandios recherchierten und opulent bebilderten Arlberg-Buches. Thomas Ebster begeistert mit Geschichte und Gschichtln von Enthusiasten und Protagonisten der Snowciety in Lech und Zürs zwischen mondäner Dekadenz und Natürlichkeit.
Robert W. Sackl-Kahr Sagostin überzeugt mit einem kaleidoskopischen Augenschmaus.
Gregor Auenhammer, DER STANDARD, 7. Februar 2015
NO NO NAMES
Zehn Ikonen des werbenden Gewerbes im MONAT-Portrait.
Grenzgänger in jeder Beziehung, sowohl künstlerisch als auch geographisch: Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Das höfliche Gehabe, die aristokratische Sprechweise und der diskrete Schnurrbart lassen unschwer auf die adelige Herkunft des weltgewandten Grazers schließen. Von Preußen aus sind die Urgroßeltern damals in den Süden gezogen. Nach Italien, wo der Graphiker, Maler und Photograph 1979 im Atelier der Großmutter sein vielgestaltiges Schaffen initiierte. Kreativwerkstätten in Graz, Triest, Laibach und Marrakech nennt er heute sein Eigen. Die Palette seiner Projekte ist so bunt wie sein vor Bildern, Büchern und Skulpturen berstendes Atelier in Graz und reicht vom Briefmarken-Design für den marokkanischen König über die Betreuung zweier Hotels in Triest, die Gestaltung von Flakons für einen italienischen Parfumeur (neuestes Projekt: Eau de Styrie) bis hin zum Marketing für das Grazer Erzherzog-Johann-Hotel. Dort habe ich das Maximilian-Zimmer mit einem Original Maximilian-Bett gestaltet, so der mehrfach international prämierte Künstler und Zigarrenpaffer, für den seine Bleibe mehr Atelier als Agentur ist:
In Agenturen werken doch nur Leute mit schwarzen, zugeknöpften Hemden.
Wolfgang Schober, WERBE MONAT, 7. Juli 2003