13. Sep 2020

Casa Frollo – Erinnerungen und Aktuelles

Abb. von links nach rechts:  André Masson „Dormeuse à la Casa Frollo, 1962. Photographie: Alfred Fontano von Zwentendorf, 1962. Ausstellungskatalog Domingo de la Cueva, Venezia 1974. L’Illusione Di Sciltian – Inganni Pittorici Alla Prova Della Modernità, Ausstellunskatalog, herausgegeben von Stefano Sbarbaro, Edizioni Polistampa, Firenze 2015 (The catalogue of a great retrospective exhibition staged in Florence, at Villa Bardini, from 3 rd April to 6th September 2015, covers the entire artistic life of Gregorio Sciltian, which develops over a period of more than sixty years. The book reproduces oil paintings, drawings and graphic works from major national museums such as Uffizi Gallery in Florence, National Gallery of Modern Art in Rome, Gallery of Modern and Contemporary Art in Bergamo and Pinacoteca Vaticana, as well as paintings from the artist’s personal collection now housed at Vittoriale of Gardone Riviera (Brescia) and other private funds. The volume also includes a selection of works by other authors selected on the basis of stylistic and inspirational affinity or contrast: in addition to Pietro Annigoni and other members of the group of Modern Realist Painters, there are paintings by artists such as Giorgio de Chirico, Carlo Socrates, Renato Guttuso, Aligi Sassu). Kataloge und Reproduktionen: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Auf der Giudecca glichen die Jahre 1961 und 1962 einem Füllhorn voll von ästhetischer Unruhe und kreativem Geist. Es ergoß sich in Form unzählbarer, stilistisch verschiedenster und einzigartiger bildnerischer Schöpfungen über die ganze Welt. Das Gros künstlerischer Aktivität schien sich in der Casa Frollo und benachbart in der Casa dei Tre Oci zeitgleich abzuspielen. Gregorio Sciltian entwarf eine Serie von großdimensionierten dipinti religiosi, u. a. sein Hauptbild Il Bettesimo di Gesu für die Basilica romano del Sacro Cuore Immacolato di Maria. André Masson, der französische Maler, Graphiker und Bildhauer, logierte im ersten Stock der Casa Frollo und brachte seine privaten Eindrücke auf der Giudecca mit Bleistift und Kreide zu Papier. In ihrer Erotik und zeichnerischen Genialität sind sie fast mit seinen frühen Radierarbeiten für Louis Aragons Werk Le Con d’Irène (Irènes Möse) vergleichbar. Der Kubaner Domingo de la Cueva entwarf eine Etage darüber erste futuristische Schmuckkollektionen, die er Jahre später mit seinem Freund Gianni Pappacena in New York präsentierte.

Abb. von links nach rechts:  50- und 100-Liremünzen aus dem Jahr 1956 – sie weisen auf das Erscheinungsdatum des Werkes For a King’s Love hin. Karte vom Hotel Minerva in Firenze an Mrs. Forman in der Casa Frollo. Mit einer abgestempelten 10-Centesimi-Marke, Venezia 1913 (Die rote 10-Centesimi-Marke – Ersterscheinung 1906 – wurde in Italien oftmals falsifiziert verkauft. Nach der Auflage von 1918 folgte die Version aus dem Jahre 1919, die als „Mailänder Fälschung“ zu einem gesuchten philatelistischen Objekt avancierte. Alexandra von Griechenland, London 1943. Ab 1944 die Ehefrau von König Peter II. war sie für ein Jahr Königin von Jugoslawien im Exil. For a King’s Love: The Intimate Recollections of Queen Alexandra of Yugoslavia, Odhams Press Limited, Long Acre, London 1956 (Erstausgabe). Alexandra von Griechenland schrieb diese Memoiren im Giardino Eden auf der Giudecca. Alle Reproduktionen und Objekte: © Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Zeitgleich hatte Friedensreich Hundertwasser mit seiner Retrospektive bei der XXXI. Biennale 1962 großen Erfolg. Wohnhaft auf der Giudecca, verliebte er sich sofort in den historischen Giardino Eden unweit der Casa Frollo. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieser Garten vom Engländer Frederik Eden und seiner Frau Caroline aus einer ursprünglich landwirtschaftlich genutzten Fläche erschaffen. Marcel Proust, Rainer Maria Rilke, George Bernard Shaw, Gabriele D’Annunzio, Ernest Hemingway, Jean Cocteau und Eleonora Duse besuchten dieses Areal immer wieder, das im 16. Jahrhundert erstmals von Mönchen genutzt wurde. Nach Caroline Edens Tod im Jahr 1928 kaufte Prinzessin Aspasia von Griechenland das Anwesen. Ihre Tochter Alexandra von Griechenland, die mit Peter II. Karađorđević, dem ins Exil verbannten König von Jugoslawien, verheiratet war, schrieb in diesem Garten ihre Memoiren For a King’s Love (The Intimate Recollections of Queen Alexandra of Yugoslavia). 1979 erwarb Hundertwasser über seine Schweizer Firma Namida AG dieses Anwesen – den fast 15.000 Quadratmeter großen Garten samt dem Palazzo Villa delle Rose an der Fondamenta della Croce. Zu seinen Lebzeiten war die Immobilie im Besitz der Grüner Janura AG – einer weiteren Aktiengesellschaft Hundertwassers in der Schweiz. Leider ist dieses Paradies versperrt und nicht besuchbar. In den Versen John Miltons Paradise Lost lebt das Grundstück mit den hohen Bäumen und den blumenbewachsenen Wiesen aber für immer weiter: Thus was this place / A happy rural seat of various view: / Groves whose rich trees wept odorous gums and balm; / Others whose fruit burnished with golden rind / Hung amiable.

Abb. von links nach rechts: Hella von Königsbrun, Konzertgeigerin und Aquarellistin. Der großen Salon der Casa Frollo mit dem Ausblick auf Santa Maria della Salute.Federzeichnung von Hugo de Soto aus dem Jahr 1962. Johann Wolfgang von Schaukal (1900-1981), Maler, Volksbildner, Theaterzeichner in Berlin (1931), Privatassistent von Herbert Boeckl an der Akademie der bildenden Künste in Wien (1937-1938), Professor für künstlerische Gestaltung an der Technischen Hochschule Graz (1964-1969). Photographien: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Objekte: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

In anderen Räumen der Casa Frollo wohnte mein Stiefvater, der 1962 seinen Freund Wolfgang von Schaukal – Maler, Volksbildner und Inhaber eines Lehrauftrags für künstlerische Gestaltung an der Technischen Hochschule Graz – mitgebracht hatte. Ihre analytischen Diskussionen über das Werk des Malervaters, des Jugendstilautors Richard von Schaukal, und über Anton Kolig waren unerschöpflich und endeten meist in ausgedehnten Reisen, die durch arkadische Landschaften des hochprozentigen Alkohols führten.

Eine Etage darüber arbeitete der kubanisch-amerikanische Künstler Hugo de Soto an feinen Federzeichnungen von venezianischen Palazzi und deren Gärten. Durch seine persönliche Interpretation des Schattens in der Architekturzeichnung, nämlich den Tiefen durch Weglassungen Form zu geben oder dunkle Bereiche durch Aussparung anzudeuten, erzielte er besonders eindrucksvolle Bildkompositionen. Die Konzertgeigerin und Malerin Hella von Königsbrun – Enkelin des steirischen Malers, Ceylonreisenden und Professors an der Landschaftlichen Zeichenakademie in Graz, Hermann von Königsbrun (1823-1907) – logierte 1961 im Kleinen Salon und arbeitete an aquarellierten Skizzen des Gemüsegartens.

Abb. von links nach rechts: Lorenzo Lotto – Portraits, Ausstellungskatalog von Enrico Maria dal Pozzolo, Museo Nacional del Prado, 2018. Ein goldenes Meisterstück des Creatore di gioielli, Domingo de la Cueva. Gustaw Herling-Grudziński, Das venezianische Porträt, 1995 unter dem Titel Le portrait vénitien et autres récits in der Collection L’Arpenteur (Gallimard) in Paris und 1996 in deutscher Übersetzung im Verlag Hanser erschienen. Gregorio Sciltian – 30 trompe-l’œil, Coverentwurf, Hoepli Editore, Milano 1980. Alle Reproduktionen und Objekte (außer der Broche von Domingo de la Cueva): © Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Gemälde und Zeichnungen waren in der Casa Frollo allgegenwärtig. In meiner Erinnerung ist ein Ölbild aus den 50er-Jahren niemals verblaßt, stilistisch der italienischen Hochrenaissance nachempfunden. Es hatte in meinen Kindertagen seinen Platz beim Stiegenaufgang, der im Eingangsbereich in den großen Salon der ersten Etage führte. Es stellte das Doppelportrait eines aristokratisch anmutenden Knaben mit mädchenhaften Zügen dar, das mit einer aufwendig in zopfartiger Form geschnitzten, partiell vergoldeten, preußischblauen Holzleiste gerahmt war. En face und en profil gleichzeitig, sozusagen als Brüderpaar, postiert der junge Venezianer in einem Garten am Canale Grande vor Gondeln, die sich im Hintergrund in weichem Frühlingslicht verlieren. Dieses Bild hat sich in meinem Kopf eingeprägt, da es frappant an die Geschichte Das venezianische Portrait des polnischen Autors Gustaw Herling-Grudziński erinnert. 1946 war er erstmals nach Venedig gereist und von einem englischen Sergeant der Quartierzuteilung im verfallenden Haus der Contessa Giuditta Terzan untergebracht worden, die ihr kümmerliches Gehalt als Restauratorin und Kopistin in der Akademie verdiente. Herling-Grudziński setzt seinen persönlich erlebten venezianischen Szenen über Begehren, Sohnesliebe, Mord und Kunstfälschung, die sich unmittelbar nach dem Kriegsende in der Calle San Barnaba zutrugen, ein Denkmal und dokumentiert seine Entdeckung des unter einem Tuch verborgenen Jünglingsportraits im Stile Lorenzo Lottos. „… eine einfache Geschichte, aber mit solcher Raffinesse verknüpft und mit einer solchen Eleganz erzählt, daß am Ende ein Edelstein funkelt“, schrieb Elke Heidenreich über dieses Werk 1996.

Abb. links: La statua della Madonna della Casa Frollo, Giudecca, Dezember 2019. Abb. rechts: l’ingresso principale della Casa Frollo, Giudecca, August 2020. Photographien: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin und Samuel Sackl-Kahr.

Momentan ist die Casa Frollo wieder geschlossen. Ihre Mutation zur Villa F. war nicht von Erfolg gekrönt. Stets zerstören neureiche Immobilisten, habsüchtige Investoren, närrische Hoteliers und ungebildete, machtgeile Politiker einen beträchtlichen Teil unseres historischen Erbes. Der Garten verwildert – die Rasenflächen stehen hoch und trocken im Nachtlicht. Der Haupteingang ist ohne Information versperrt. Die Luft am Kai ist für eine Spätsommernacht sehr klar. Im Zentrum des schwarzen, wolkenlosen Himmels prangt eine Mondhälfte, die den Wandaltar der Madonna an der Fondamenta-Zitelle-Fassade erleuchtet. Sie blickt mit ihrem schlafenden Jesuskind im Arm auf den Canale della Giudecca und wird dieser im Stil des 17. Jahrhunderts erbauten Villa der Grafen Volpi di Misurata hoffentlich weiter segensreich zur Seite stehen.

Abb. links: Postkarte Casa Frollo, 60er-Jahre, Abb. Mitte: La vecchia chiave della stanza del mio patrigno, 60er-Jahre. Abb. rechts: Eingansbereich in aktuellem Zustand, Giudecca, September 2020. Alle Reproduktionen, Objekte und Photographie: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Wie schrieb Roberto Bianchin in der La Republica in seinem Artikel Prima che Casa Frollo chiuda am 18. Februar 1988 so treffend, als die bezaubernde und unnachahmliche Signora Flora Soldan nach 30 Jahren auf Betreiben des Conte Giovanni Volpi di Misurata die Casa Frollo räumen mußte: „Es ist wie ein Fenster, das sich bald schließen wird, es vertritt eine venezianische Lebensart, die erlischt. Man muß dort gewesen sein, um zu verstehen. In der Casa Frollo verbrachte ich, wie viele andere auch, intensive, einzigartige, unnachahmliche Tage. Und dieses Haus drang langsam und sanft in mein Herz…” (E’ come una finestra che si sta per chiudere, aggiunge un modo di vivere a Venezia che si spegne. Bisogna esserci stati per capire. A Casa Frollo, come molti altri del resto, ho trascorso giorni intensi, unici, inimitabili. E quella casa mi è entrata lentamente e dolcemente nel cuore…)


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