05. Okt 2020

Ombra e luce – musica veneziana della notte

Rio de San Maurizio (nel Sestiere die San Marco) visto dal Ponte (Corner) Zaguri – Notte d’autunno alle 23.00, 100×100, 2020. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Ich liebe die venezianischen Schatten der Nacht. Sie haben die Farbe chinesischer Tusche. Einen ganz speziellen Ton von dumpfem Schwarz, der sich in Tintorettos Tiefen findet. Dieses Schwarz fängt das Streiflicht. Hinterlässt mit leuchtendem Weiß gehöhte Malerei. Die durchdringendsten Kontraste – intensivstes Chiaroscuro – finde ich nach Mitternacht in den engen Gassen Venedigs. Über kleine Kanäle führend, unter ihren steinernen Brückenbögen, wo die Schwärze ins Unendliche reicht, sammelt sich mikroskopisch kleines, reflektierendes Lampenglühen, wie mit Speerspitzen in Asche geritzt. Besonders intensiv entlang der Calle Castagna, wo sie den Rio de San Zanirovo quert, parallel zur Calle de la Corona. Weißblutende hauchzarte Schnitte von Rasierklingen im Schwarz. Die Lichtregie von Caravaggio, where dramatic chiaroscuro becomes a dominant stylistic device. Genannt Tenebrismo – Caravaggios spezielle Methode, Formen mit Schlagschatten und Spitzlichtern bis zur Abstrahierung zu modellieren. Gemalte Low-key-Photographie am Ende des 15. Jahrhunderts. Aggressiv tanzen grelle Lichtpunkte auf schwarzen Wasserflächen. Zuckende Reflexionen, begierig nach Aufmerksamkeit. Strahlenkegel, die in ihrem Geflimmer kalligraphische Muster zeichnen. In der Schnelligkeit ihres Aufblitzens vergehen sie schon. Ein Sterben während der Geburt. Metropolis-Illuminierung mit einer Lichtregie, die Robert Wiene im Film Das Cabinet des Dr. Caligari Anfang der 20er-Jahre anwandte.

From left to right: Olga Rudge, Rome 1915. Violin Recital Olga Ruge. Invitation to the Aeolian Hall Concert on November 1920. Rudge continued her association with the pianist Renata Borgatti and pursuing her interest in modern Italian music, giving concerts with Borgatti and Pizzetti at the Sala Bach in Rome in 1921, and joining Renata Borgatti again at the Salle Pleyel in 1922. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Diese Lichtschatten werden stets begleitet durch den sphärischen Klang der Violine von Olga Rudge. Er wandert entlang der Rios, läuft über Brücken, durchweht Campi und sucht sich zwischen den Blumen der Giardini einen Rasenpolster zum Ausruhen. Durcheinandergewürfelte Kompositionsfragmente von Mozart, Bach, Vivaldi und George Antheil scheinen es zu sein, vielleicht von Rudges Haus in der Calle Querini auf einer Frequenz ausgestrahlt, in der sich Licht und Schatten die Nacht teilen, kopulierend Einswerden.

Aurélie Tremblay and the Taiwanese conductor Chin-Chao Lin who was engaged as the new General Music Director at the Regensburg Theatre in May 2018. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Zurück auf der Giudecca empfängt mich die samtene Schwärze der Fondamenta Croce. Richtung Redentore überquere ich die Brücke und höre schon das Klavierspiel von Aurélie, meiner Frau, aus dem Fenster an der Fondamenta auf Höhe des Convento Santissimo Redentore. Fast gegenüber der Villa delle Rose, die am Rande des Giardino Eden am Wasser steht. Meisterhaft spielt sie nächtens oft La Valse und schickt Maurice Ravels Wiener Musik, die er in seiner Komposition mit impressionistischer Rhythmik ausgeweitet zu einem Tanz wirbelnder Derwische anschwellen läßt, in die Fluten des Rio della Croce. In einer Orgie aus Gewalt und Chaos endend, prallt dieses Poème choréographique pour Orchestre, mit ihren dissonanten Schlußharmonien stakkatoartig auf die Wasserfläche des Rio della Croce. The orchestra reaches a dance macabre coda, and the work ends with the final measure as the only one in the score not in waltz-time. L’orchestra raggiunge la Coda come una danse macabre in cui la melodia sfatta nei suoi aspetti cromatici e con i glissandi dei tromboni assurge a una connotazione grottesca.

photo © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

In Herbst- und Frühlingsnächten, in denen undurchsichtige Dunstschleier wie schwarze Wäschestücke – Totenhemden – über dem Kanal hängen, explodiert diese Musik förmlich und vereint sich mit der Finsternis der Insel. Einer Giudeccafinsternis, die den Abgesang auf die Reflexion heller Kronleuchter in den Palazzi entlang des Canale probt. Bizarre Lichtblitze, radioaktiv verseuchter, leuchtender Adern androgyner Frauen gleich, kontrapunktieren die unendliche Schwärze. In dieser Nacht aber spielt meine Frau nicht Ravel. Sie trägt Werke von Liszt und Brahms vor, auf der Klaviatur ihres Konzertflügels, der durch die Launen des Wetters und die Feuchtigkeit Venedigs unmäßig oft gestimmt werden muß. Ein Instrument, das in den 20er-Jahren direkt von der Hamburger Steinway-Fabrik in der Schanzenstraße auf die Insel geliefert wurde. Der Flügel von undurchdringbarer Schwärze, in dessen glänzender Oberfläche sich natürlich auch die zuckenden kalligraphischen Muster der nächtlichen Strahlenkegel spiegeln, zurückgeworfen vom unruhigen Wasser des Rio della Croce.

photo © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

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