Venezia ­– La città degli scandali – Rapporto VII

Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, „Rio San Trovaso“, 1982, watercolor on laid paper, 50 x 50 cm – The first residence of Ezra Pound in Venice, a small apartment on the Rio San Trovaso. In this period also appeared his first book of poems „A Lume Spento“, whose edition he financed with his own money. The book consists of 45 poems and is replete with allusions to works which had influenced Pound, including Provençal and late Victorian literatures. Publication date was July 1908. Venezia, First printing. „Lustra“ (Lustra of Ezra Pound with Earlier Poems), Alfred A. Knopf, New York, 1907. Selected Letters 1907-1941 of Ezra Pound, Faber and Faber, London, 1971. On the way from Pound’s first home to the Rio Fornace, Photography, 18×13 cm, Venice 2021. All reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Books and objects: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia.
Ezra Pound, Canto 90, Serie ‚Il quadrato‘ Nr. 23. Questo volumetto a cura di Vanni Scheiwiller è stato impresso dalla Stamperia Valdonega di Verona in mille copie numerate da 1 a 1000 il ottobre 1966. 81º compleanno di Ezra Pound. Copia N. 669. Collezione Hohs, Venezia. Mark Byron, Ezra Pound’s Eriugena. Historicizing Modernism, Bloomsbury Academic, London/New York, First published 2014. Ezra Pound’s and Olga Rudge’s The Blue Spill. A Manuscript Critical Edition (Modernist Archives), 2019. Ettore Sottsass: Ezra Pound, Allen Ginsberg and Fernanda Pivano, Portofino, September 11, 1967. Signed photograph. Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia. (Fernanda Pivano (18 July 1917 – 18 August 2009) was an Italian writer, journalist, translator and critic.) Ezra Pound, Tages Anzeiger Magazin Nr. 27, Zürich, 8. Juli 1972. Fulvio Roiter, Ezra Pound in the wonderful garden of Liselotte Höhs, Venezia 1971. All reproductions: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

VII. Jane Turner Rylands’ Betrug an Olga Rudge

Olga Rudge, US-amerikanische Geigerin, Gründerin des Centro di Studi Vivaldiani an der Accademia Musicale Chigiana war im 78. Lebensjahr, als ihr Lebenspartner Ezra Pound in Venedig verstarb. (Siehe meinen Blog vom 5. Oktober 2020: Ombra e luce – musica veneziana della notte.) Im venezianischen Kulturgeschehen war sie auch nach seinem Tod sehr aktiv, hatte in vielen künstlerischen Organisationen ein gewichtiges Wort mitzureden und richtete Galaabende und Charityveranstaltungen aus. „Over the next decade Rudge continued to have contact with Pound scholars; she helped organize several exhibits and tributes to Pound and pursued several possible plans for memorials in Idaho and Venice.“ 1)

“Purifiez nos cœurs / O God of the silence. Purifiez nos cœurs / O God of waters“Funeral pate for Ezra Pound’s burial at Isola di San Giorgio Maggiore on November 3, 1972. The blessing was celebrated by P. Egidio Zaramella O.S.B. of S. Giorgio Maggiore Church and Rev. Canon V. Stanley, Pastor of Saint Georges Church, S. Vio, Venezia. Reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

In der oberen Etage des Hauses am Rio Fornace nahe der Salute-Kirche, das sie mit Ezra Pound geteilt hatte, beherbergte sie viele aufstrebende, junge Literaten und bildende Künstler und nahm als Aufwandsentschädigung höchstens kleine Gemälde und dedizierte Gedichte an. Ein großes Anliegen war ihr stets, Pounds Arbeit zu fördern und seinen Ruf gegen den Vorwurf des Antisemitismus und Faschismus zu verteidigen, der ihn sein halbes Leben begleitete. 1967 wirkte sogar Pier Paolo Pasolini maßgeblich an dem von der RAI produzierten Dokumentarfilm Un’ora con Ezra Pound mit, worin der kommunistische Regisseur und Dichter seine Bewunderung für Pound kundtat und seine Gedichte in italienischer Übersetzung rezitierte.

The Hidden Nest – Residence of Ezra Pound and Olga Rudge at Calle Querini 252, 2021. Photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Ezra Pound sitting in Liselotte Hohs‘ garden in Venice 1971. Photography: © Fulvio Roiter, Hohs Collection, Venice. The door handle in Calle Querini, 2016. Photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Ezra Pound and Olga Rudge in Liselotte Hohs‘ garden after returning from America. Photography: © Hohs Collection, Venice. Entrance sign and mailbox in Calle Querini 252, 2016. Photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Giorgo Manera and his wife Liselotte Hohs with Ezra Pound at the „Hidden Nest“, Dorsoduro, 1972. Photography: © Hohs Collection, Venice.

Nach dem Tod ihres Partners war es Olga Rudges vordringliche Absicht, eine Stiftung ins Leben zu rufen, die Pounds Gesamtwerk fördern und die Forschungsarbeit daran vorantreiben sollte. Im Jahr 1986 drängten eine amerikanische Freundin Olgas, Jane Turner Rylands, und ein Anwalt aus Cleveland, Ohio, Olga Rudge, mit ihnen die „Ezra Pound Foundation“ zu gründen. Wiederholt wurde Olga von vielen Freunden gewarnt, Papiere zu unterschreiben, die von Rylands vorgelegt wurden. Schon im Vorfeld der Gespräche verschwanden Truhen aus Olgas Haus, in denen unersetzliche Papiere von Pound lagerten, darunter literarische Schriften und Manuskripte, Tagebücher, die gesamte Korrespondenz, Zeitungsausschnitte, Bücher und Alben mit Skizzen und Zeichnungen, Tonbänder, Kompaktkassetten und anderes dokumentarisches Material. Der amerikanische Journalist und Schriftsteller John Berendt recherchierte vor Ort und beschreibt diesen Skandal in seinem Buch Die Stadt der fallenden Engel im Kapitel Der letzte Canto: „… einmal, zur Weihnachtszeit, entfernte Jane (Rylands) die Truhen, um Platz für Olga zu schaffen, wie sie behauptete, und die Papiere vor Hochwasser in Sicherheit zu bringen. Entweder hatte Olga es vergessen, wo Jane sie hingetan hatte, oder Jane hatte es ihr nicht erzählt. Jedenfalls machte sich Olga bald darauf Sorgen um die Papiere und beschwerte sich bei mehreren Leuten, dass Jane ihre Truhen fortgeschafft habe und dass sie, Olga, nicht wisse wohin. Schließlich bat sie Jane, sie ihr zurückzubringen, was diese auch tat. Doch Olga zufolge waren sie leer, als sie sie öffnete.“ Der legendäre und einzigartige Arrigo Cipriani rettete sozusagen die Papiere und sprach im Interview mit Berendt von einer „hässlichen Geschichte“. Jane Rylands bat Cipriani nämlich um einen Lagerplatz in seinem magazzino, da sie gerade Olgas Wohnung reinige und Platz für einige Dinge bräuchte. Nachdem Cipriani erfuhr, dass folglich Jane Rylands neuerdings in seinem Lager ein- und ausginge, hielt er Nachsicht und entdeckte in seinem eigenen Lager „große Stapel von Papieren, die in Klarsichtfolie eingewickelt waren. Sie waren beschriftet, nicht berühren stand da drauf, Eigentum der Ezra Pound Stiftung.2)

Olga Rudge sent a handwritten clarification to the U.S. on March 18, 1988, due to the dubious activities of Jane Turner Rylands concerning the Ezra Pound Foundation. „I wish it to be known that my intention to make a foundation regarding in property at above adress was in no way meant to come into ownership outside my own family. My intention has always be that any foundation forme in the name of Ezra Pound would include Trustess from the Cini Foundation, Ca Foscari University.“ The scandalous response from Neil L. Evans of the law firm Hahn Loeser & Parks in Cleveland Ohio, dated July 1, 1988, read: …“I must advise you that The Ezra Pound Fondation is not capable of being dissolved upon your wish, but that it will take the affirmative vote of a majority of the trustees to accomplish thart end…“. That was the perfidious thing about Jane Turner Rylands, she set up a foundation behind Olga’s back as a non-profit corporation with three board members – Olga Rudge as president, Jane Rylands as vice president and a lawyer as foundation secretary. The foundation’s bylaws provided that any two of the three members could overrule the third. In plain language, from the beginning Olga Rudge had no control over her foundation. All documents: Private archive, Venice. Photographs (landscape format): Olga Rudge and Ezra Pound, Venice, November 1970. Signed photograph (portrait format): Olga Rudge and Ezra Pound, Rapallo, June 28, 1970. photos: © David Lees. Certificate of Incorporation of the Ezra Pound Foundation, City of Columbus, Ohio, December 17, 1986. All reproductions: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Unter mysteriösen Umständen verkaufte Olga Rudge in scheinbar verwirrtem geistigen Zustand 3) im 91. Lebensjahr den größten Teil ihres Archivs und ihr Haus an die Stiftung für eine lächerliche Summe von etwa siebentausend Dollar, was niemals von Seiten der Käufer nachgewiesen wurde. Ein Dokument existiert – ein leerer Bogen Papier, auf dem sich Olga Rudges Signatur an der Oberseite befindet. Darunter, sicherlich erst zu einem späteren Zeitpunkt eingefügt, ist der Text des Kaufvertrags. Nach dem Skandal, der auf die Stiftungsgründung folgte, reklamierte Rudges Familie, dass ein Verkauf niemals beabsichtigt gewesen sei, und dass Immobilie und Archiv ja um ein Vielfaches mehr Wert seien. „There is the imbroglio over the Ezra Pound collection. Olga Rudge, Pound’s elderly widow, sold 208 boxes of his materials worth well over $1 million for just $7,000. They went to the Ezra Pound Foundation, controlled by Rudge’s friend, Jane Rylands, whose husband is the director of the Peggy Guggenheim Collection. When Rudge tried to get access to her husband’s material, she was refused.“ 4) Im April 1988 schrieb Rudge an den Anwalt in Cleveland und informierte ihn darüber, dass sie die Stiftung auflösen wolle. Er antwortete ihr, dass ein solcher Antrag nicht im Rahmen des Gesetzes vorgesehen sei. Die betreffenden Papiere wurden in der Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University, hinterlegt, wo sie bis heute untergebracht sind, und die Ezra Pound Stiftung wurde aufgelöst. Eine Box mit Papieren, die die Übertragung des Archivs aus der Ezra Pound Stiftung belegt, kann nicht öffentlich eingesehen werden – falls diese überhaupt jemals existiert hat.

„Copy of the document: Conditional acceptance of the donation dated June 22, 1987″ with Olga Rudge’s signature on the top. Private archive, Venice. Reproduction: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Mary de Rachewiltz 5), die Tochter Olga Rudges, merkte auf Grund ihrer Recherchen sehr bald, dass die Konstruktion der Stiftung nur ein Instrument war, mit dem sie von Jane Rylands um das Erbe ihrer Mutter gebracht werden sollte. In ihrer Verzweiflung suchte sie in Venedig damals Hilfe, unter anderem bei meiner geschätzten Künstlerfreundin Liselotte Hohs, die schon zu Lebzeiten ihres verstorbenen Mannes, des Anwalts Giorgio Manera 6), mit Olga und Ezra Pound eine intensive Freundschaft verband. Liselotte Hohs, als unmittelbare Zeitzeugin, bestätigte mir einige Informationen, die ich in vielen Interviews mit testimoni contemporanei veneziani in den letzten Jahren erfahren und notiert hatte, u. a. von Drohungen und anonymen telefonischen Einschüchterungsversuchen von amerikanischer Seite, falls weiterhin versucht werden sollte, sich mit Gründungsdetails der Ezra Pound Stiftung und dem Ehepaar Rylands zu befassen. Hier ist anzumerken, daß Jane Rylands nach dem Eintreffen in Venedig den gemeinsamen Lebensunterhalt als Lehrerin 7) am Luftwaffenstützpunkt Aviano verdiente, während ihr Mann an seiner Dissertation arbeitete. Sie hatte also sehr gute Kontakte zu amerikanischen Offizieren am Aeroporto militare di Aviano “Pagliano e Gori”, der sogenannten Aviano Air Base, der von der US-Luftwaffe als Standort des 31st Fighter Wing benü̈tzt wird. „Philip was still writing his dissertation, which would take him the better part of twelve years to finish. Meanwhile Jane supported both of them by teaching at the American air base in Aviano, an hour north of Venice.“ 8) 9)

 Boris De Rachewiltz, Il libro dei morti degli antichi egizi. Edizioni Mediterranee, Rome, 1992. Framed photograph: Boris, Sizzo and Mary de Rachewiltz, Brunnenburg Castle. Alto Adige, 1947. Private collection Venice. Boris de Rachewiltz, L’Elemento Magico in Ezra Pound. All’Insegna del Pesce d’Oro, 1965. Mary de Rachewiltz, Auf der Seite meines Vaters Ezra Pound, Eine biografische Annäherung. Athesia-Tappeiner Verlag, 1st edition, new issue. Bolzano 2021. Reproductions: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Books: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia.

Auch Marys Ehemann, Boris de Rachewiltz10), bekannter italienischer Ägyptologe, wollte Olga Rudge helfen und begann, Einzelheiten dieser zweifelhaften Vorgänge an die Öffentlichkeit zu tragen. Als er einen Prozess gegen die Rylands vorbereitete, wurde er bei Forschungsarbeiten in Ägypten unter dem Vorwurf des Waffenschmuggels überraschend von der CIA festgenommen und kam nur unter größten Schwierigkeiten frei. Er starb unerwartet am 3. Februar 1997 in Dorf Tirol bei Meran.11) Über eine Vergiftung wird hinter vorgehaltener Hand gesprochen – eine Obduktion des Leichnams wurde niemals durchgeführt.

Über die zweifelhafte Gründung der Ezra Pound Stiftung und also der Enteignung Olga Rudges durch Jane Rylands12) wurde in keiner italienischen Presse, ja nicht einmal in venezianischen Lokalblättern, jemals etwas berichtet. Ins Gerede kam Jane Rylands dennoch – nicht wegen des Betrugs an Olga Rudge, sondern aufgrund der zweifelhaften Dinge, die sich auftaten, als sie sich als Freundin Peggy Guggenheims einschmeichelte, sie aufopfernd bis in den Tod pflegte – und nach deren Ableben Rylands’ Ehemann, Philip, 1986 deputy director of the Peggy Guggenheim Collection, 2000 director und 2009 Director of the Solomon R. Guggenheim Foundation for Italy wurde. In einer Buchbesprechung von John Berendts Buch The City of Falling Angels in der Denver Post geht Sandra Dallas besonders auf das Kapitel The Last Canto ein: „Venetians gossiped that Jane Rylands and her husband, who took care of Peggy Guggenheim in her last days, had a habit of making themselves indispensable to elderly women, then getting their hands on the women’s assets, selective gerontophilia, one called it.“ 13) 14) 15)

Aber das ist ein anderer, überaus widerwärtiger Skandal, über den ich demnächst berichten werde.16)

Olga Rudges‘ tombstone in the Anglican section of the cemetery on the island of San Michele in the immediate vicinity of Joseph Brodsky, Igor Stravinsky, Karl Filtsch, Luigi Nono and Sergei Diaghilev. Isola di San Michele, June 20, 2017. Framed photography: Olga Rudge at Ezra Pound Centenary Conference, U. of Maine, Orono, June 20, 1985. Private archive, Venice. According to the owner the photo was taken by Allen Ginsberg. Burial of Olga Rudge on March 20, 1996 next to Ezra Pound on the cemetery island Isola di San Michele. Color photography: Tomb of Ezra Pound and Olga Rudge. Isola di San Michele, March 27, 2022. Reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

1) „Olga Rudge Papers“, Yale Library, Beinecke Rare Book and Manuscript Library, New Haven, Connecticut, USA.

2) John Berendt, „The City of Falling Angels“, Penguin Press, New York, 2005.

3) „…There is his legendary mistress, once a celebrated violinist, later to decline into Alzheimer’s…“, Jan Morris, „Dirt in Venice“, The Guardian, London, September 24, 2005
Vgl. auch: „Olga Rudge, he asserts was cheated out of her property and Pound’s papers by two seemingly friendly expats one of whom was director of the Guggenheim museum, he then draws parallels between this and Henry James’ Aspen papers…“, Rotten Books, Tag Archives: John Berendt, April 21, 2012, https://rottenbooks.wordpress.com/tag/john-berendt/https://rottenbooks.wordpress.com/tag/john-berendt/

4) Sandra Dallas, „Venice secrets come to life“, Denver Post, September 22, 2005.

5) Mary de Rachewiltz, „Il rapporto Pound-Venezia“, „Ezra Pound a Venezia“, Fondazione Giorgio Cini, Isola di S. Giorgio Maggiore, Venezia.

6) Giorgio Manera, „livelli di Venezia“, Ezra Pound a Venezia, Fondazione Giorgio Cini, Isola di S. Giorgio Maggiore, Venezia.
Vgl. auch: „Wagner in Italia“, a cura di Giorgio Manera a Giuseppe Pugliese, Marsilio, Venezia, 1982. (Con cronologia delle opere rappresentante in Italia dal 1871 al 1982.)
Giorgio Manera, „Wagner: cent’anni dopo“, Parole e musica, L’esperienza wagneriana nella cultura fra romanticismo e decadentismo, ondazione Giorgio Cini, Isola di S. Giorgio Maggiore, Venezia.
Giorgio Manera, „Libertà di stampa e dissidio morale“, Pan Editrice, Timone n.66, Milano 1977.
Manuela Pivato, „La contessa dell’anno“, La Nuova di Venezia e Mestre, 8 febbraio 2004. https://ricerca.gelocal.it/nuovavenezia/archivio/nuovavenezia/2004/02/08/VA3VM_VA301.html

7) Aviano American High School (also referred to as Aviano Middle/High School) is a European Department of Defense Education Activity secondary school located on the Italian owned NATO Air Base in Aviano.

8) John Berendt, „The City of Falling Angels“, Penguin Press, New York, 2005.

9) Aviano wurde und wird nicht nur als Zwischenlandesstation von CIA-Agenten für Aufklärungs-, Arbeits- und Entführungsflüge innerhalb Europas genützt, sondern dient ihnen auch als Headquater in Norditalien. (Siehe: „CIA Gefangenenflug Aviano-Ramstein-Kairo – Italiens Justiz rechnet mit CIA-Kidnappern ab.“ „Zumindest über einen Gefangenenflug gibt es jede Menge Details. Es handelt sich um einen CIA-Entführungsflug mit der Route Aviano- Ramstein-Kairo am 17. Februar 2003. Ein Flug, der gerade in Italien Bestandteil eines aufsehen erregenden Strafprozess gewesen ist. Heute wurde das Urteil gesprochen. 23 CIA-Agenten wurden, teils zu mehrjährigen Haftstrafen, verurteilt.“, 4.11.2009, interpool-tv, http://www.interpool.tv/politik/113-cia-gefangenenflug-aviano-ramstein-kairo.html
„CIA führte italienische Behörden in die Irre“, Der Standard, Wien, 7.12.2005.

10) Boris de Rachewiltz (Boris Luciano de Rachewiltz degli Arodis), (12. Februar 1926, Rom; † 3. Februar 1997, Dorf Tirol) wurde als Sohn eines italienischen Vaters und einer Mutter mit russischen Wurzeln in Rom geboren. Sein jüngerer Bruder war der spätere Mongolist und Sinologe Igor de Rachewiltz. Er heiratete 1946 Mary, die Tochter des amerikanischen Dichters Ezra Pound und der Musikerin Olga Rudge, und erwarb mit ihr in der Folge die Brunnenburg in Südtirol. De Rachewiltz studierte von 1951 bis 1955 am Pontificio Istituto Biblico und von 1955 bis 1957 an der Universität Kairo Ägyptologie. Der italienisch-russische Fürst war Assistent von Professor Ludwig Keimer am UNESCO-Dokumentationszentrum und setzte nach dessen Tod seine vergleichende Methode zwischen Archäologie und Ethnologie fort, indem er 1969 die Ludwig Keimer Stiftung in Basel gründete. Im selben Jahr wurde er zum Professor für Orientalische Archäologie an der Universität von Jordanien ernannt. Nach diversen archäologischen und ethnographischen Feldforschungen im Nahen Osten, in Oberägypten und im Sudan unterrichtete er als Professor an der Pontificia Università Urbaniana.

11) Schon in den 50er-Jahren engagierte sich Boris de Rachewiltz für die Rehabilitierung Ezra Pounds, der wegen Unterstellungen, seine Bewunderung für den italienischen Faschismus kundgetan zu haben, isoliert und als Ausgestoßener behandelt wurde.
Vgl. auch: Tony Tremblay, „Boris is very intelligent and simpatico and interested in worthwhile things: The association and correspondence of Ezra Pound and Prince Boris de Rachewiltz.“ Paideuma, Modern and Contemporary Poetry and Poetics, Vol. 28, No. 1 (Spring 1999). https://www.jstor.org/stable/24726874

12) Elisabetta Povoledo, „Venice Bristles at the Savannah Treatment“, The New York Times, February 15, 2006. „Much less amused is Jane Rylands, a writer who is married to Philip Rylands, the director of the Peggy Guggenheim Collection here. In the book, she is cast as an ambitious social climber who persuaded Olga Rudge, the then 90-something-yearold former mistress of Ezra Pound, to set up a foundation in honor of Pound that excluded Rudge’s immediate family. The foundation was eventually dissolved, in 1990, and Pound’s papers are now at Yale University.“

13) Sandra Dallas, „Venice secrets come to life“, Denver Post, September 22, 2005.

14) „That brings us back to Venice and the contemporary American couple who ingratiate themselves into the home of Peggy Guggenheim shortly before her death, then attach themselves to Olga Rudge, the elderly mistress of the poet Ezra Pound. The couple appear to cheat Rudge’s daughter out of her father’s letters and almost take the poet’s house.“ Alister McMillan, South China Morning Post, Hong Kong, October 16, 2005.

15) vgl.auch: Ted Wojtasik, „Serendipity in the City of Falling Angels“, 234 online journal of nonfiction writing that deserves to be read. June 28, 2011.
Michael Posner, „Plumbing the depths of Venice“, The Globe and Mail, Toronto, Canada, November 1, 2005.
„Behind the scenes at the Venice museum“, The Times, London, November 19, 2005.
David Thomson, „A Book To Carry You Away – Berendt Does Venice, Loosely“, Observer, New York, March 10, 2005.
Adam Goodheart, „The City of Falling Angels: There’s Life After Lady Chablis“, The New York Times, New York, September 25, 2005.
„Sink and swim“, The Economist, New York, September 24, 2005.
Hanne Borchmeyer, „Das amerikanische Künstlermilieu in Venedig: Von 1880 bis zur Gegenwart“, STUDI – Schriftenreihe des Deutschen Studienzentrums in Venedig, Band 10, Akademie Verlag, 2013.
Luciano Mangiafico, „Attainted: The Life and Afterlife of Ezra Pound in Italy“, Open Letters Monthly, August 31,2012, https://www.openlettersmonthlyarchive.com/olm/attainted-the-lifeand-afterlife-of-ezra-pound-in-italy
Cat Bauer, „All Saints Day 2014 on the Island of San Michele, Venice“, Venetian Cat – The Venice Blog, November 9, 2014, https://venetiancat.blogspot.com/search?q=Olga+Rudge

16) Henri Neuendorf, „Philip Rylands to Resign From the Peggy Guggenheim Collection After 35 Years“, Art World, December 12, 2016.
Alastair Smart, „Philip Rylands: Guardian of a Guggenheim Legacy“, Impressionist & Modern Art, May 3, 2017
„Philip Rylands – Director, Emeritus of the Peggy Guggenheim Collection and Foundation Director for Italy“, Guggenheim Staff, New York, June 21, 2021.
Milton Esterow, „The Bitter Legal Battle over Peggy Guggenheim’s Blockbuster Art Collection“, Vanity Fair, January 5, 2017

Ezra Pound with Cat. Signed photography, 28 x 24 cm, Venice, 1963. Fountain pen used for signing, Venice, 1963. Report of the Death of Ezra Loomis Pound, Milan, November 28, 1972. Ezra Pound, Ripostes. First edition, Stephan Swift and Co, London, 1912. Private Collection, Venice. Reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Other sources

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A signed copy of Cathay by Ezra Pound. Elkin Mathews, London, 1915. Ezra Pound, From Syria – The Worksheets, Proofs and Text. Copper Canyon Press, Port Townsend, WA, 1981. On both sides inscribed photograph of Olga Rudge, Rapallo 1970. Photo: David Lees, Private Collection, Venice. Reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.


Special issues by and about Ezra Pound by date of publication

Ezra Pound, “Personae“. Elkin Mathews, London 1909 [First edition].
Ezra Pound, “Exultations“. Elkin Mathews, London, 1909 [First edition].
Ezra Pound, “Provenca“. Small, Maynard and Company, Boston, 1910 [First edition].
Ezra Pound, “The Spirit of Romance“. Small, J. M. Dent and sons, London, 1910 [First edition].
Ezra Pound, “Canzoni“. Elkin Mathews, London, 1911 [First edition].
Ezra Pound, “Ripostes“. Stephan Swift and Co, London, 1912 [First edition, first issue. 64 pp.].
Gaudier-Brzeska/Ezra Pound, “A Memoir by Ezra Pound including the published writings of the sculptor, and a selection from his letters“. John Lane, London, 1916 [First edition].
Thomas Stearns Eliot, “Ezra Pound, his metric and poetry“. A. A. Knopf, New York, 1917 [First edition].
Ezra Pound, “Umbra“. Elkin Mathews, London 1920 [First edition].
Remy de Gourmont, “The Natural Philosophy of Love“. Translated and with a Postscript by Ezra Pound. Boni and Liveright, New York, 1922 [First edition].
Ezra Pound, “Antheil and the Treatise of Harmony with Supplementary Notes“. Pascal Covici, Publisher, Inc., Chicago, 1927 [First edition].
Ezra Pound, “Selected Poems“. Edited by T. S. Eliot. Faber & Gwyer, London, 1928 [First edition].
Ezra Pound, “Hark the Herald“. The Hours Press, Paris, 1928 [First edition].
Ezra Pound, “Ta Hio – The Great Learning“. University of Washington, Chapbooks no. 14, Washington, 1928 [First edition].
Ezra Pound, “Imaginary Letters“. Black Sun Press, Paris, 1930 [First edition].
Ezra Pound, “A Draft of XXX Cantos“. Paris Hours Press, 1930 [First edition].
Ezra Pound, “Homage to Sextus Propertius“. Faber & Faber, London, 1934 [First edition].
Ezra Pound, “Jefferson and/or Mussolini“. Stanley Nott Ltd, London, 1935 [First edition].
Ezra Pound, “Make it New“. Yale University Press, Yale, 1935 [First edition].
Ezra Pound, “Introductory Text Book“. New Directions Pub. Corp., New York (Rapallo), 1938 [First edition].
Ezra Pound, “What Is Money For? A Sane Man’s Guide to Economics“. Greater Britain Publications, London, 1939 [First edition].
Ezra Pound, “A Selection of Poems“. Faber & Faber, London, 1940 [First edition].
Ezra Pound, “The Pisan Cantos“. New Directions Pub. Corp., New York, 1948 [First edition].
Ezra Pound, “If This Be Treason“. Printed for Olga Rudge by Tipografia Nuova, Siena, 1948 [First edition].
Charles Norman, “The Case of Ezra Pound“. The Bodley Press, New York, 1948 [First edition].
Ezra Pound, “Personae – The Collected Poems of Ezra Pound“. New Directions Pub. Corp., New York, 1949 [First edition].
Ezra Pound, “Confucius: The Unwobbling Pivot/The Great Digest/The Analects“. New Directions Pub. Corp., New York, 1951 [First edition].
Ezra Pound, “Guide to Kulchur“. New Directions Pub. Corp., Norfolk, Connecticut, 1952.
Ezra Pound, “The Translations of Ezra Pound“. Faber & Faber, London, 1953.
Ezra Pound, “Section: Rock-Drill 85-95 de los Cantares“. Faber & Faber, London, 1957.
Ezra Pound, “Dyptych Rome – London. Homage to Sextus Propertius & Hugh Selwyn Mauberley, Contact and Life“. Mardersteig, Verona, 1957 [First edition].
Ezra Pound, “Cantos et poèmes choisis“. Texte et traduction. Pierre Jean Oswald, Paris, 1958.
Ezra Pound, “Pavannes and Divagations“. Peter Owen Limited, London, 1960.
Ezra Pound, “Cavalcanti Poems“. Officina Bodoni, Verona, 1966 [Limited Edition].
Ezra Pound, “Canto 90“. Serie ‚Il quadrato‘ Nr. 23, Verona, 1966 [Limited edition of 1000 copies].
Ezra Pound, “The Caged Panther: Ezra Pound at St. Elizabeths“. Twayne Publishers, New York, 1967 [First edition].
Ezra Pound/James Joyce, “The letters of Ezra Pound to James Joyce, with Pound’s essays on Joyce“. New Directions Pub. Corp., New York, 1967.
Ezra Pound, “Drafts & Fragments of Cantos CX-CXVII“. New Directions Pub. Corp., New York, 1968 [First edition].
Thomas Stearns Eliot, “The Waste Land“. Facsimile Manuscript of T S Eliot’s The Waste Land, with Ezra Pound’s annotations. Faber & Faber, London, 1971 [First edition].
Giuseppe Santomaso/Ezra Pound, “An Angle“. Erker Galerie, St. Gallen/Switzerland, 1972 [Deluxe Edition with Original Lithographs. Signed by the Author and the Artist].
Ezra Pound, “A Memoir of Gaudier-Brzeska“. New Directions Pub. Corp., New York. 1974 [First edition].
Ezra Pound, “Radio Speeches of World War II“. Greenwood Press, Westport, Conn. 1978.
Ezra Pound, “Personae & a draft of XXX Cantos“. Franklin Center/Franklin Library, Pennsylvania, 1981 [First edition/Limited Edition].
Ezra Pound, “From Syria: The worksheets, Proofs, and Text“. Copper Canyon Press, Port Townsend, WA, 1981 [First Separate Edition].
Ezra Pound/Wyndham Lewis, “The letters of Ezra Pound and Wyndham Lewis“. New Directions Pub. Corp., New York, 1985 [First edition].
Ezra Pound, “Opere Scelte (I Meridiani)“. Arnoldo Mondadori Editore, Milan, 1985 [First edition].
Ezra Pound/Louis Zukofsky, “Pound/Zukofsky – Selected letters of Ezra Pound and Louis Zukofsky“. New Directions Pub. Corp., New York, 1987 [First edition].
Ezra Pound/Rudd Fleming, “Sophocles Elektra: a Version By Ezra Pound and Rudd Fleming“. Faber and Faber, London, 1990 [First edition].
René Crevel/Ezra Pound, “A nation which does not feed its best writers is a mere barbarian dung-heap“. Éditions Rosbif. Paris, 1992 [First edition, slipcased copie on white Moulin-de-Gué paper, signed by Pound’s daughter and translator, Mary de Rachewiltz, have an extra signed bonus colour etching].
Leon Surette, “The Birth of Modernism: Ezra Pound, T.S. Eliot, W.B. Yeats, and the Occult“. McGill-Queen’s University Press, Montreal, 1993 [First edition]. (While W.B. Yeats‘ occultism has long been acknowledged, Surette is the first to show that Ezra Pound’s early intimacy with Yeats was based largely on a shared interest in the occult, and that Pound’s The Cantos is a deeply occult work. Surette argues that Pound’s editing of T.S. Eliot’s The Waste Land was not motivated primarily by stylistic concerns, as has generally been contended by the New Critics, but by thematic considerations. In fact, it was precisely because Eliot knew Pound to be well informed about the occult that he asked for Pound’s assistance with The Waste Land.)
Paul Morrison, “The Poetics of Fascism: Ezra Pound, T.S. Eliot, Paul de Man“. ‎Oxford University Press, Oxford, 1996 [First edition].
Mary de Rachewiltz, “Ezra Pound, Father And Teacher: Discretions“. New Directions Pub. Corp., Norfolk, Connecticut, 2005 [First edition].
Ezra Pound, “Le Testament“. Second Evening Art Publishing. The definitive manuscript for Ezra Pound’s first opera in facsimile, 110 color plates. Emeryville CA, 2011 [Limited facsimile edition with audio CD].
W.B. Yeats, “Ezra Pound, and the Poetry of Paradise“. Routledge (Taylor & Francis Group), London, 2018 [First edition].
Alessandro Rivali, ­“Ho cercato di scrivere paradiso. Ezra Pound nelle parole della figlia: conversazioni con Mary de Rachewiltz cercato di scrivere Paradiso“. Mondadori, Milan, 2018 [First edition].
Ezra Pound, “Cathay“. Edited by Timothy Billings. Introduction by Christopher Bush. Foreword by Haun Saussy. Fordham University Press, New York, 2020.

Olga Rudge, Saint-Eustache, Paris 1922. In the same year she performed with Renata Borgatti at the Salle Pleyel. Signed announcement card for a concert Olga Rudges in London, November 1920. Private Collection, Venice. Reproduction: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.
Paroles de Villon, Salle Pleyel, Paris, 1926. Selections from the libretto of Pound’s one-act opera Le testament, comprising seven poems or excerpts from poems by Villon. The program for the premiere performance of Pound’s „Testament of Francois Villon,“ his principal musical composition, held at the Salle Pleyel in Paris, featuring Yves Tinayre and Robert Maitland as tenor and bass, and Olga Rudge playing violin. Although not noted on the program, George Antheil played piano, and Pound himself might have played the drum. Among the celebrants at the event were James Joyce, Ernest Hemingway, Thomas Stearns Eliot, Julian Barnes, Jean Cocteau, and many others of the native and expatriate artistic community. According to the announcement: Yves Tinayre (Tenor), Robert Maitland (Basse), Olga Rudge (Violon), Jean Dervaux (Trombone tenor), Edouard Dumoulin (Trombone basse), Paul Tinayre (Ciavecin, cornet de dessus). Compare to: Margaret Fisher, Ezra Pound’s Radio Operas: The BBC Experiments, 1931-1933, p.132, MIT Press, Cambridge, Massachusetts, 2002). Settimana celebrativa di Antonio Vivaldi, Programma delle manifestazioni. Olga Rudge founded the Centro di Studi Vivaldiani within the Accademia Musicale Chigiana in 1938. The Settimana Vivaldiana was held in Siena in the following year. Organized by Olga Rudge and Luciani and featuring Alfredo Casella, the festival showcased many neglected concerti and the opera L’Olympiade. Rudge’s thematic catalogue of the Turin manuscripts was published by the Accademia as part of its Vivaldi homage. Photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia.

Magazines and Periodicals by date of publication

Blast – Review of the Great English Vortex, No. 2. Edited by Wyndham Lewis. Elkin Mathews, Publisher,  London, 1915.
The Dial. Volume LXXIII, No. 5. Art and literary magazine. Edited by Margaret Fuller and Ralph Waldo Emerson. Boston and Concord, 1922.
This quarter. No. 2. Edited by Ernest Walsh and Ethel Moorhead. Milan, 1925.
The Exile, No. 3. Edited by Ezra Pound. Pascal Covici, Publisher, Chicago, 1928.
The New Review. An International Notebook for the Arts, published from Paris. Edited by Samuel Putnam. Paris, 1931.
The Paris Review, No. 28. “Ezra Pound, The Art of Poetry“. Interviewed by Donald Hall. Big Sandy, Texas, 1962.
Fanatic, No. 2. Special Low Mindedness Issue. Edited by William Levy. Includes “Sassoon“ by Ezra Pound. Amsterdam, 1976.
Partisan Review, Vol. XLIV, No. 1. Peter Shaw, „Ezra Pound on American History“. New York, 1977.
Artforum International Magazine, Volume 16, No. 3. Brice Rhyne, “Henri Gaudier-Brzeska: The Process of Discovery“. New York, 1978.
Unmuzzled OX Volume XII, No. 2. Edited by Michael Andre. The Cantos (125-143) by Ezra Pound. New York, 1986. (Unmuzzled OX was a quarterly of poetry, art and politics founded in 1971 by poet Michael Andre, edited in New York City and Kingston, Ontario.)
Paideuma – Modern and Contemporary Poetry and Poetics, No. 10.3. Edited by Ben Friedlander. Orono, Maine, 2009. https://paideuma.wordpress.com/

Noel Stock, Reading the Cantos: A Study of Meaning in Ezra Pound. Pantheon, New York, 1966. Canzoni of Ezra Pound. Classic Reprint by Forgotten Books, London, 2018. EP to LU, Nine Letters Written to Louis Untermeyer by Ezra Pound, Indiana University Press, Bloomington, 1963. E. Fuller Torrey, The Roots of Treason, Ezra Pound and the Secret of St. Elizabeths. Lucas Books, Bethesda, Maryland, 1984. Ezra Pound, Section: Rock-Drill 85-95 de los Cantares. Faber & Faber, London, 1957. Reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Books: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia.

I am very interested in further reports from contemporary witnesses.
I kindly ask you to contact me at
graphics@sackl-kahr.com

Sono molto interessato a ulteriori rapporti di testimoni contemporanei.
Vi chiedo gentilmente di contattarmi all’indirizzo
graphics@sackl-kahr.com

Ezra Pound, Lesebuch. dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, 1985. Ezra Pound, Der Revolution ins Lesebuch. Verlags AG Die Arche, Zürich 1969. Daniel Swift, The Bughouse: The poetry, politics and madness of Ezra Pound. Vintage Books, New York, 2017. John Cohassey, Hemingway and Pound: A Most Unlikely Friendship. McFarland & Company Inc., Jefferson, North Carolina, 2014. Ezra Pound,Pavannes and Divagations. Peter Owen Limited, London, 1960. Reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Books: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia.

Latest message

THE EZRA POUND CENTER FOR LITERATURE
May 30 – June 25, 2022

The University of New Orleans is pleased to offer the rare opportunity to take Poetry-Writing Workshops and seminars on The Poetry of Ezra Pound. The program is held at Brunnenburg, the northern Italian castle that served as Pound’s residence during his later years and is currently the home of his daughter, Mary de Rachewiltz, and her son, Dr. Siegfried de Rachewiltz.

Luca Gallesi, How to survive as a daughter of Ezra Pound … Between poetry, art, politics. il Giornale, 16.03.2021. Ezra Pound, Guide to Kulchur. New Directions, Norfolk/Connecticut, 1952 (Ezra Pound’s essays on culture. In a sequence of short, pungent chapters, Pound covers the whole territory of “kulchur” – from the Chinese philosophers to modern poetry, from music to economics – as he discovered it for himself in a lifetime of reading, looking, and listening. A review copy of the New Directions edition, which includes the material from an edition first published in 1938, along with about 20 pages of new material). Tomb of Ezra Pound. Isola di San Michele, March 27, 100×100, 2022. Indro Montanelli, Incontri Pound, Corriere della Sera, 11.04.1971. Books/objects: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia. Reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Venezia – La città degli scandali – Rapporti V-VI

Villa delle Rose – Giardino Eden, Fondamenta Rio Croce, Isola della Giudecca, Venezia, 100 × 100, 2021. Foto: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

V. Die Affäre Wasserblum

Um ihr – unter anderem – venezianisches Erbe, den an der Fondamenta della Croce (Giudecca) gelegenen berühmten Giardino Eden samt dem Palazzo delle Rose, wurde zweifellos die Umweltmeteorologin und Künstlerin Heidelinde „Wasserblum“ Trimmel betrogen. Ihr Vater, Friedensreich Hundertwasser, kaufte die Immobilie zu Lebzeiten über die Gruener Janura AG in der Schweiz, dessen Alleineigentümer er selbst war. Heidelinde ist die einzige Tochter Hundertwassers. Sie durfte ihren Vater leider nie kennenlernen. Ihren Künstlernamen leitete sie von dem ihres Großvaters Stowasser ab – sie vermählte ihn mit dem Begriff der Nymphaea, einer Pflanzengattung, die der Familie der Seerosengewächse angehört. Namentlich der Wasserblume, die für die Tochter Hundertwassers den Inbegriff der Transformation darstellt.1)

Mit einer Strafanzeige gegen Joram Harel, den Manager ihres Vaters, der auch Vorsitzender der Hundertwasser Stiftung ist, ging sie an die Öffentlichkeit und machte auf einen unglaublichen Skandal aufmerksam. 2001 behauptete Harel, dass Friedensreich Hundertwasser aufgrund des aufwendigen Lebensstils sein im Laufe des Lebens verdientes Millionenvermögen verbraucht habe und sein Konto kein Guthaben aufweise. Eine unglaubliche Behauptung, wenn man weiß, wie bescheiden und anspruchslos Hundertwasser gelebt hat. Der Manager versuchte dessen Tochter unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit einem mehr als unseriösen Angebot abzufertigen: gegen Abtretung ihrer Erbschaftsansprüche sollte sie 145.000 Euro und ein Hundertwasser-Bild erhalten. Wider besseres Wissen willigte die Tochter ein. Vom „Hundertwasser-Krimi“ schrieb darüber treffend der Redakteur Markus R. Leeb in der Zeitschrift News am 2. August 2013. Die österreichische Tageszeitung Die Presse veröffentlichte am 9. Februar 2013 einen diesbezüglich interessanten und ausführlich recherchierten Artikel von Andreas Wetz (https://www.diepresse.com/1342926/hundertwassers-verschollenesmillionenerbe). Nach diesem stehen Theorie und Aussagen des Hundertwasser-Managers auf tönernen Füßen.

Nachforschungen brachten Widersprüche und Unwahrheiten ans Tageslicht und lassen darauf schließen, dass Hundertwasser zum Zeitpunkt seines Todes zwar nicht über große Geldbeträge, aber über eine ganze Reihe anderer und zum Teil erheblicher Vermögenswerte verfügt hatte. Vermögenswerte, die seiner Tochter im Verlassenschaftsverfahren um den Pflichtteil verschwiegen wurden. Auszugsweise – neben dem Giardino Eden in Venedig, der einen zweistelligen Millionenbetrag Wert ist – geht es um einen 370 Hektar großen Landstrich in Neuseeland, ein Naturparadies in der Bay of Islands, um die Verwertung des inzwischen um mehrere Millionen Euro verkauften Kunsthauses in Wien, das gegenüber der Erbin als wertlos und überschuldet dargestellt wurde, sowie um Hundertwasser-Werknutzungsrechte, deren Höhe exorbitant sein dürften.

From left to right: Friedensreich Hundertwasser, 42 x 28, signed and framed portrait photograph, private collection, Giudecca Venezia. Namida AG, Gruener Janura… Door sign at the entrance of Palazzo delle Rose, Giudecca. The Hundertwasser Heritage, a film project within the framework of Factum. Namida AG, Doorbell at the entrance bridge to the Giardino Eden. Hundertwasser thriller, Daughter of the successful artist: „I was cheated out of my inheritance“, a report by Markus R. Leeb, News, Friday, August 2, 2013. News article photographer: Roland Ferrigato. All reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Die Verantwortlichen, die Hundertwasser Privatstiftung und ihr Vorstand, Hundertwassers ehemaliger Vertrauter Joram Harel, bestreiten bis heute jedwede Schädigungsabsicht. Trotz gegenteiliger Hinweise. In seinem ausführlichen Artikel schreibt Andreas Wetz: „Doch in der Grüner Janura AG, die heute Namida AG heißt und ihren Sitz seit jeher im schweizerischen Glarus hat, schlummern noch mehr Werte. Etwa die kostbaren Werknutzungsrechte Hundertwassers, die dieser – Kritiker meinen, um Steuern zu sparen – schon vor langer Zeit an seine eigene Firma übertragen hatte. Exmanager und Stiftungsvorstand Joram Harel bestätigte das 2008 in der ORF-Sendung Kulturmontag. Allerdings stehe die Grüner Janura AG in keinem Zusammenhang mit Hundertwassers Erbschaft. Zitat aus einem Telefax: Die Stiftung hat damit nichts zu tun und lukriert daher auch nichts.

Aufschlußreich ist auch der Artikel Hundertwassers geheime Tantiemen von Andreas Wetz in der Tageszeitung Die Presse vom 5. April 2013 (https://www.diepresse.com/1385187/hundertwassers-geheime-tantiemen), der die Umsatzerlöse der Gruener Janura betreffend Reproduktionen von Bildern und Grafiken, die in Auflagen von wenigen hundert bis mehreren tausend Stück verwertet und vertrieben werden, aufschlüsselt. Der Druck Good Morning City, wurde allein 10.000 Mal angefertigt und wird derzeit mit 4.500 Euro gehandelt. Weitere Werke, von denen laut offiziellem Werkverzeichnis weltweit über 25.000 Stück existieren müssen, werden pro Exemplar zwischen 3.550 und 11.600 Euro gehandelt. Von den Erlösen aus Postkarten, Kunstdrucken2), Katalogen, Büchern, gerahmten Premium-Postern3), Ausstellungsplakaten4) und diversen Merchandisingartikeln5) wie Dekomagneten, Tragtaschen und anderen, an Geschmacklosigkeit nicht zu übertreffendem Krimskrams einmal abgesehen.

From left to right: Honored in New Zealand – A tulip tree for Hundertwasser’s daughter Heidi, A report by the Austrian newspaper Kronen Zeitung, Tuesday, February 18, 2014. Report Photographer: Kristian Bissuti. Wasserblums kleine Kreise/Waterblum’s small circles, Invitation to the exhibition of Heidi Trimmel, who exhibited under the name „Wasserblum’s little circles“ on September 6, 2013 in the Village Museum Roiten. My Venetian diary, in which I note down all research about Friedensreich Hundertwasser. On the title page, an old photo of the cover of „La Giudecca Colorata“, a portfolio by Friedensreich Hundertwasser with 5 silkscreen prints in a wooden case from 1997. Friedensreich Hundertwasser, Glasses in the small face, Japanese color woodcut, 35 x 42.5 cm, private collection, Venice. All reproductions and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Warum über all diese Fakten der Mantel des Schweigens gebreitet wurde und allfällige Fragen bis heute nicht geklärt worden sind, ist mir rätselhaft:

• Wohin versickern die Einnahmen, wenn die Stiftung aus den Werknutzungsrechten nichts lukriert?
• Wann wird sich die österreichische Justiz dieses Skandals endlich ernsthaft annehmen?
• Warum traut sich niemand gegen Joram Harel und die Hundertwasser Stiftung öffentlich aufzutreten?
• Wie stellte es Joram Harel an, jahrelang den Kontakt Hundertwassers zu seiner Tochter zu unterbinden?
• Warum wertete die Staatsanwältin Caroline Pestal-Czedik-Eysenberg die Fakten gegen Joram Harel als nicht belastend?
• Warum bezweifelte ebendiese Staatsanwältin indirekt die Glaubwürdigkeit des Opfers indem fraglich gestellt wurde, ob die damals 30-Jährige überhaupt die Tochter von Hundertwasser sei? Dies stand von Anfang an völlig außer Frage!

Erwähnen Sie den Namen Joram Harel in Künstlerkreisen und beim Besuch von Kollegen und Bekannten, mit denen Hundertwasser in Venedig freundschaftlichen Umgang pflegte, herrscht bei diesen einhellige Wut und Unverständnis über den Manager und Stiftungsvorsitzenden.6) Ein betagter Stammgast des Caffè Zitelle meinte kürzlich: „Der Harel, das ist doch der stupido culo, der im Palazzo Eden gewohnt hat, und der Besitzer, der Fritz7) selbst, im Gartenhaus. Ist der nicht ein ehemaliger Agent des Mossad? Der geht über Leichen. An dem traut sich keiner die Finger zu verbrennen.“

Unter dem link https://www.strafrecht-wien.at/presse/presse-hundertwasser/ finden Sie vom Wiener Rechtsanwalt und Verteidiger in Strafsachen, MMag. Norbert Haslhofer, gesammelte und publizierte Medienkommentare und Reportagen zu diesem Fall.

Eine sehenswerte und äußerst informative Videoproduktion über diesen Skandal können Sie unter https://www.facebook.com/factumtv/videos/2405105749554324 aufrufen.

Postcard of the „Beer Hall Ai Leoncini“ with signed drawing by Friedensreich Hundertwasser, 1982. 10,5 x 15. Private collection, Venice. Located not far from St. Mark’s Square, the pub was famous in the 1920s for its „warm Viennese sausages“ and „goulash“. Today it is popular because of its Mediterranean food, vegetarian dishes and seafood. Photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Der weiterführende Artikel Ein Tulpenbaum für Hundertwassers Tochter Heidi ist unter https://www.krone.at/394019 abrufbar. Eine Reportage über die Vernissage zur Ausstellung von Heidelinde „Wasserblum“ Trimmel, die unter dem Titel Wasserblums kleine Kreise 2013 im Dorfmuseum Roiten ausstellte, lesen Sie unter https://www.rappottenstein.gv.at/ Wasserblums_kleine_Kreise.

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1) 2013 berichtete Heidelinde „Wasserblum“ Trimmel darüber in einem Interview mit der Kronen Zeitung. (https://www.krone.at/359728)

2) Z. B.: Arche Noah, gerahmter dekorativer Kunstdruck von Friedensreich Hundertwasser, 84 x 59cm, in einer Auflage von mehreren 100.000 Stück, momentan im Handel um € 222,90 (Preisstand Juli 2021) erhältlich. Die Wald-Spirale von Darmstadt, gerahmter Offsetdruck, 48 x 48cm, im Handel zu erwerben um € 71,90 (Preisstand Juli 2021).

3) Hundertwasser Replik, Guest of nature, 50 x 40cm, Kunstdruck mit Metallfolienprägung nach Œuvre 775, umseitiges Zertifikat der Gruener Janura AG, keine Angabe der Auflage, ab € 270,00 (Angeboten im Juni 2021).

4) „Über die Umsätze der Gruener Janura (heute Namida AG) wacht das schweizerische Recht. Doch zumindest die Größenordnungen kann man erahnen. Es muss sich um Ansprüche in Millionenhöhe handeln. Bereits im Prozess gegen Metro versicherte die Stiftung nämlich schriftlich, dass allein die Poster-Vervielfältigung eines einzigen Bildes mit dem Titel Hundertwasser-Haus zwischen 1988 und 1998 Umsatzerlöse in der Höhe von zehn bis zwölf Mio. D-Mark (fünf bis sechs Mio. Euro) einbrachte.“ Andreas Wetz, Die Presse, 5. April 2013.

5) Hundertwasser-Teekanne, betitelt Schneckenobjekt, limitiert auf 999 Exemplare, handbemaltes Porzellan, € 1.480,00 (Preisstand Juli 2021). Rollerball (wahrscheinlich aus China), nach (839) Löwengasse – La troisieme peau, erhältlich bei Ars Mundi um € 198,00 (Preisstand Juli 2021).

6) Z. B.: Gespräch mit der Wiener Künstlerin Liselotte Höhs, die seit vielen Jahrzehnten in Venedig lebt und arbeitet.

7) Friedensreich Hundertwasser, von Freunden Fritz genannt.

VI. Das Siechtum der Casa Frollo

Casa Frollo, Fondamenta Zitelle, Isola della Giudecca, Venezia, 100 × 100, 2021. The state of the closed building in June 2021. You can see the accidental reconstruction of the entrance overlooking the garden. Foto: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Die Casa Frollo, vor einigen Jahren von neuen Eigentümern umbenannt in Villa F, auf der Giudecca gelegen – über diese venezianische Institution habe ich in vergangenen Blogs bereits berichtet. Nach wie vor ist dieses wunderbare, nach Umbauarbeiten von kultureller Entkräftung befallene, dahinsiechende Gebäude geschlossen und nach verschiedensten Immobilienrochaden scheinbar nur mehr ein Dominostein internationaler Anleger und dubioser Geschäftemacher. Hier in Venedig ist es noch desaströser als anderswo, wenn es um Geschäfte mit Häusern und Palazzi geht. Entkernte, durch „Revitalisierung“ verunstaltete oder dem Verfall preisgegebene Gebäude ohne Nutzung sind das Zahlungsmittel der in den verbrecherischen Niederungen des internationalen Moneyshowbusiness tätigen Immobilienzuhälter.

Picture postcard of Casa Frollo from the 1980s photographed by Mauro Parmisani. Published by the Comitato Organizzatore „Amici Casa Frollo“,1) Milano. The garden was famous for its rare Eden roses, the Statue of Mercury and the collection of sculptures. Rosa Eden, also known as Pierre de Ronsard, MEIviolin, and Eden Rose 85, the light pink and white climbing rose, photographed in the giradino comunale at the end of Calle Orti on Giudecca in July 2021. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.
Hugo de Soto, Casa Frollo, 1966, Ink on laid paper, 20 x 29. Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin., Venice.

Nur mehr eine Erinnerung sind die vielen internationalen Künstler, die überall auf der Welt Werke hinterließen, die in diesem inspirierenden Palazzo entstanden. Z. B. das Pastell The courtyard at the Casa Frollo von Mary Georgina Wade Wilson (1858 – 1939), 2005 bei Christies versteigert. André Massons Bleistiftzeichnung Dormeuse à la Casa Frollo aus dem Jahr 1962 und die Lithographie In der Giudecca, Venedig, die 1963 entstanden ist. Die Mischtechnik Casa Frollo, Giudecca – A Woman seated at a Table drinking Coffee, ein Werk der 19th Century English School, angeboten in Haselmere, Surrey. Die Tuschzeichnung Wolfgang von Schaukal vor der Casa Frollo des österreichischen Graphikers und Karikaturisten Gottfried Pils (1924 – 2018), ausgestellt in der Galerie Moser in Graz 1990. Die unzähligen Federzeichnungen und Mischtechniken der Innenräume und des Gartens der Casa Frollo von Hugo de Soto aus den 60er-Jahren, die überall in der Welt ihre Plätze gefunden haben.

La stessa vista nello stesso anno: „L’attrice italiana Claudia Cardenale davanti a Casa Frollo“, Fotografia, 1962. Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. André Masson, „Vista da Casa Frollo a Piazza San Marco“, Pastello, 1962. Foto: Bertarello, Venezia 1962, 13 x 10. Dalla collezione di Flora Soldan. Riproduzione: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Eine wehmütige Erinnerung erweckte kürzlich in mir der Artikel Über Puppen, Katzen, Gelati und Ciccetti in der Wochenzeitung Die Zeit vom 26. März 1982, verfasst von Stefania Canaii und Barbara Leimig. Er ist mir bei Recherchen in meinem Archiv untergekommen. „… Dem Fremden werden solche Adressen nur selten verraten, meist ist dieser aber auch ausreichend beschäftigt mit der Suche nach einer einigermaßen passablen und dennoch bezahlbaren Unterkunft. Abgesehen von den Luxushotels sind die meisten Herbergen überaltert, die Zimmer sind eng, und irgendwas funktioniert mit großer Zuverlässigkeit nicht. Aber es gibt rühmenswerte Ausnahmen von dieser venezianischen Faustregel. Die Casa Frollo (Giudecca 10) zählt dazu. Diese schöne, im ursprünglichen Stil des 17. Jahrhunderts erhaltene Villa der Grafen Volpi di Misurata liegt in einem großen Park; aus den geräumigen, mit Stilmöbeln ausgestatteten Räumen (die teilweise kein Bad haben) hat man den schönsten Blick auf San Marco, den Canal Grande und das Zentrum der Serenissima, wie Venedig in Italien gerne genannt wird“, heißt es darin.

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1) Siehe den Eintrag una piccola perla rara auf Tripadvisor aus dem August 2012 : „In Venedig fehlt es nicht an Hotels aller Art und Preisklassen… von Hotels für Ölmagnaten bis hin zur Jugendherberge an der Giudecca… unter ihnen, nach fast einem halben Jahrhundert Erfahrung und mit großem Bedauern die geliebte Casa Frollo an der Giudecca, welche nach dem Tod der liebsten Flora Soldan trotz eines kämpferischen und erbitterten Kampfes der Mailänder Freunde der Casa Frollo leider niemand wiederbeleben konnte…“.

André Masson, At the Giudecca, Venice, 1958, Original lithograph with personal dedication, 37 x 52. Private collection, Venice. Photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Venezia – La città degli scandali – Rapporti I-IV

Fondamenta delle Convertite, isola della Giudecca, Venezia, 100×100, 2019. Foto: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Venedig ist die Stadt der Transgression, eine Theaterbühne, auf der sich Szenen voll Schande, Missachtung, Kompromittierung und gemeinster Niedertracht zu einem Höllenfeuer vereinen. Der Skandal, getarnt als alltägliche Affäre, paart sich in den piani nobili der alten Palazzi im Odeur des darunter hinwegfließenden Lagunenwassers mit Frechheit, Zumutung, Respektlosigkeit, Schamlosigkeit, Dreistigkeit, Unverschämtheit und ganz gemeiner Gier nach Geld, Macht und Ansehen. Wahrscheinlich schon seit der Zeit des ersten Dogen Anafestus Paulicius (Paoluccio Anafesto), der laut Überlieferung und staatlicher Geschichtsschreibung als Dux der Siedlungen der Lagune von Venedig sowie der näheren Umgebung im Jahr 697 gewählt, sich der Verteidigung gegen die Langobarden verschrieb.

Der skandalöse und intrigante Umgang mit Menschen sowie deren Kunst, Architektur und Vermögenswerten ist aber keineswegs eine Eigenart des geborenen Venezianers, sondern vielmehr eine wahnhafte Krankheit, die auch viele Zugereiste (gli stranieri di terra a Venezia: i landlubbers), Auswärtige und Landfremde ohne Feingefühl und Ehre erfasst, deren Lebensmittelpunkt sich über kurze oder längere Perioden in der Lagunenstadt abspielt. Zwischen Pilastern, alten Säulen und mit Taubenkot getränktem Marmor der Palazzi wurde die menschliche Niedertracht von diesen zur perfekten Kunstform veredelt.

Ehe ich über das eigentliche aktuelle Ärgernis, das Ende der Casa dei Tre Oci betreffend, berichte, umreiße ich in den kommenden Blogs noch einige skandalöse Vorkommnisse der letzten Jahrzehnte, die gerade in meiner Erinnerung aufflammen oder über die ich mir in meinen venezianischen Skizzenbüchern Notizen gemacht habe.


I. Sturmflut und Korruption

Immagini da sinistra a destraFabio Manzone e Cristina Lovisari,  Mose di Venezia, Maggioli Editore; I edizione (23 maggio 2018). “Un libro per ricordare la ‚acqua granda‘ ma anche per spiegare e divulgare l’immenso patrimonio di conoscenze sulla Laguna di Venezia che è stato acquisito, analizzando la storia che ha portato alla progettazione del sistema Mose: gli iter governativi e procedurali, l’analisi degli studi tecnico scientifici eseguiti sulla città di Venezia e la sua Laguna, le opere chiave progettate ed eseguite, i contributi tecnici di Università, professionisti e studiosi specializzati ma anche i primi risultati ottenuti e il futuro di questa enorme conoscenza acquisita”. (Bertarello?), Le gondole affondano, 40×40, 1966, Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste. Confronta: Archivio Fotografico del Comune die Venezia. Riproduzione: Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Vincenzo Di Tella, Gaetano Sebastiani, Paolo Vielmo, Il MOSE salverà Venezia? – un‘ analisi tecnica sulle criticita‘ del sistema e lu sue alternative, ‎ Vincenzo Di Tella; I edizione (20 aprile 2017). Dopo l’esplosione dello scandalo Mose sono stati in pochi a comprendere che il danno fatto all’erario dalla “cricca” era ben maggiore rispetto alle pur enormi tangenti e ruberie accertate dalla Guardia di Finanza, perchè il “Sistema Mose”, in quel contesto di corruzione e malafare, è riuscito ad ottenere tutte le approvazioni necessarie a portare avanti sempre lo stesso progetto ed a bloccare le soluzioni alternative proposte, che avevano costi e tempi molto più bassi. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Da kommt dem Liebhaber der Serenissima, der gerade vor trübem Lagunenwasser über die Geschichte der Stadt sinniert, natürlich zuerst der Bau von Mose (Modulo Sperimentale Elettromeccanico – MO.S.E.) in den Sinn, jenem Sturmflutsperrwerk aus 78 beweglichen Fluttoren, das verhindern soll, dass ganze Stadtteile bei Acqua alta im Lagunenwasser versinken. Bis Ende 2020 verschlang dieses größte italienische Infrastrukturprojekt der Nachkriegszeit ein Budget von über sechs Milliarden Euro. Nach Schätzungen der Behörden sind während Planung und Bau dieser Hochwasserschutzanlage, die an den drei bocche der venezianischen Lagune installiert wurde, mehr als eine Milliarde Euro veruntreut worden, darunter auch große Mengen europäischer Fördergelder. Im Juni 2014 meinte Tilmann Kleinjung, Redakteur im römischen ARD-Studio: „Mose gilt als Meisterwerk italienischer Ingenieurskunst: Das Schleusensystem soll Venedig vor Überflutungen retten. Doch die Großbaustelle ist ein Schmiergeldsumpf. 35 Personen wurden jetzt festgenommen – unter ihnen auch Bürgermeister Orsoni.“ In den Korruptionsskandal war fast die gesamte politische Führung der Stadt Venedig und der Region Venetien verwickelt. Haft beantragt wurde auch für den ehemaligen Regionspräsidenten von Venetien, Giancarlo Galan, der als Senator aber Immunität genoss. Nachdem das Parlament im Oktober 2014 Galans Recht auf Zeugnisverweigerung aufgehoben hatte, wurde auch er inhaftiert. Durch die Aufarbeitung der Fälle standen die Arbeiten auf der Baustelle unter der Meeresoberfläche fünf Jahre lang still.

Selbst die Konstruktion an sich war bereits von Anfang an umstritten, viele anderen vorgeschlagenen Varianten waren technisch nicht nur ausgereifter, sondern auch günstiger. Namentlich die Schwerkraftbarriere – sie wurde 2006 von der Gemeinde Venedig noch als beste der vorgeschlagenen alternativen Lösungen bezeichnet und danach von dieser verhindert. Vincenzo Di Tella gibt in seinem Buch Il Mose salverà Venezia? darüber nicht nur genaue technische Informationen, sondern auch präzise Einblicke in dieses venezianische System, in dessen Kontext von Korruption und Amtsmissbrauch es dem Ausführer des Baus, der Consorzio Venezia Nuova gelungen ist, stets alle Genehmigungen zu erhalten. Das aus den 30 größten Bauunternehmen Italiens bestehende Konsortium konnte so mit dem bereits gescheiterten Mose-Projekt fortfahren und alle anderen vorgeschlagenen Lösungen blockieren. Diesem Konsortium mit Sitz im Palazzo Morosini Brandolin, zwischen dem Rio di San Cassiano und der Fondamenta dell’Olio, gegenüber der Ca’ d’Oro gelegen, gehört auch die Mailänder Finanzholding Fininvest S.p.A. an, die zum überwiegenden Teil im Besitze von Mitgliedern der Familie Berlusconi ist.

Das Verschwinden unglaublicher Geldbeträge, die Bedrohung durch Lagunenflut – da kommt mir ironischerweise die edle Beschreibung aus den Italian Hours von Henry James in den Sinn: „Die Lagune war ü̈berzogen von eigenartigen Strömungssträhnen, die wie sanfte, riesige Fingerspuren über sie hinweghuschten.“ Das filmische Meisterwerk Le mani sulla città von Francesco Rosi aus dem Jahre 1963 mit Rod Steiger und Salvo Randone lässt grüßen.

II. Des Bürgermeisters Überheblichkeit

Carpaccio veneziano con carta di menu e l’incisione „L’Altea Parte della Piazza di S. Marco.“ da Matthäus Merian, Archontologia, 1640, 20,5 x 30,5. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia.

2018 rollte Marco Gasparinetti, Sprecher der Bürgerplattform Gruppo 25 Aprile und candiato sindaco per Terra e Acqua 2020 alle Elezioni amministrative del Comune di Venezia den Fall der japanischen Studenten auf, denen für vier Koteletts, vier Fischplatten und ein wenig Mineralwasser in einem einfachen venezianischen Lokal 1.100 Euro in Rechnung gestellt wurden. Im gleichen Jahr hatten sich drei asiatische Touristen bei der Stadtverwaltung beschwert, weil sie in einem Restaurant nahe dem Markusplatz 526 Euro für ein Mittagessen zahlen mussten. Der Bürgermeister und Unternehmer Luigi Brugnaro, Besitzer des Baskettballvereins Reyer Venezia Mestre und Präsident der Holding Umana, die ein Konglomerat von ungefähr 20 Firmen leitet, hatte daraufhin die Gäste aus Fernost als Bettler tituliert. Der Ausspruch des Mitte-rechts-Stadtchefs war im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen für die internationale Presse und wurde weltweit veröffentlicht: „Die Touristen haben Hummer und Austern vertilgt und nichts auf dem Teller gelassen. Wer nach Venedig kommt, muss wissen, dass er in Venedig ist und dafür etwas ausgeben muss. Touristen, ihr seid in Venedig willkommen, doch ihr müsst Geld ausgeben!“

Auch den Vorwurf, das verheerende Hochwasser vom 13. November 2019 unter die 1,60-m-Marke heruntergelogen zu haben, um den Notstand nicht aurufen zu müssen, musste sich Marco Gasparinetti gefallen lassen. Tatsächlich betrug der Pegelstand 1,87 Meter über dem Meeresspiegel – der höchste seit 1966.

Bürgermeister sei er nur geworden, wie mir viele Venezianer versichern, weil ihn ausschließlich die Bewohner des Festlandbezirks Mestre gewählt haben und in Venedig selbst mittlerweile zu wenig Einwohner leben, um mit ihren Stimmen politisch Einfluss nehmen zu können.

III. Die Chose am venezianischen Zivilgericht

I gondolieri danno l’ultimo saluto al professore, TZ Muenchen, 31 agosto 2013. Fulvio Roiter, Gondola funebre, 24×30, 1966. Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste. Riproduzione: Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Turista tedesco morto in laguna, chiesti 1 anno e 5 mesi per il gondoliere coinvolto, Venezia Today, 21 novembre 2017.

Von den venezianischen Medien fast totgeschwiegen, erschien 2013 in den Stuttgarter Nachrichten ein ausführlicher Artikel über den Richter, Professor der Jurisprudenz und Lehrstuhlinhaber an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, Joachim Vogel. Der bekannte deutsche Jurist, Rechtswissenschafter und Fachbuchautor (u. A.: Einflüsse des Nationalsozialismus auf das Strafrecht, Juristische Methodik) aus Tübingen starb bei einem tragischen Bootsunfall in Venedig nahe der Rialtobrücke. Seine dreijährige Tochter wurde bei dem Unfall schwer verletzt. Bei einem plötzlichen Stau mehrerer Vaporetti kollidierte ein Schiff der Linie 1 der städtischen Verkehrsbetriebe Actv, das den Rückwärtsgang eingelegt hatte, mit der Gondel, in der die Familie samt den drei damals drei, acht- und zehnjährigen Kindern saß. „Das Vaporetto hat die Gondel mit dem Heck gerammt“, soll Ilse Vogel später der deutschen Konsulin in Venedig, Dott. Paola Nardini, berichtet haben. Der 50-jährige Familienvater wurde ins Wasser katapultiert, zwischen Pier und Schiff eingequetscht und erlag seinen schweren Brustverletzungen. Die Witwe, ebenfalls Juristin, forderte Schadenersatz. Dieser wurde vom zuständigen Richter in Venedig als nicht begründet abgelehnt und zurückgewiesen. Statt einer Entschädigung sollte die Witwe nun ihrerseits die sagenhaft hohen Anwaltskosten der Gegenseite von insgesamt 229.000 Euro bezahlen. Der Anwalt der Familie Vogel, Dott. Lorenzo Picotti, Professore ordinario an der Università degli Studi di Verona, meinte zu Recht: „Dieses Urteil ist einfach beschämend.“ Als „eine Verhöhnung“ titelte der Corriere del Veneto die Entscheidung des venezianischen Zivilgerichtes. (Siehe auch: LTO – Legal Tribune Online vom 18. August 2013: https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/joachim-vogel-lmumuenchen-tot-venedig-gondel-unfall/ sowie den Artikel der Print-Ausgabe der Presse vom 7. Dezember 2018 unter dem Titel Bittere Gerichtsposse nach tragischem Tod in Venedig.)

Immagini da sinistra a destraJoachim Vogel, Perspektiven des internationalen Strafprozessrechts, C. F. Müller Verlag, Heidelberg, 2004. Kai Ambos (Hg.) Europäisches Strafrecht post-Lissabon mit dem Artikel Joachim Vogels: Die Strafgesetzgebungskompetenzen der Europäischen Union nach Art. 83, 86 und 325 AEUV, Universitätsverlag Göttingen, 2011 (Göttinger Studien zu den Kriminalwissenschaften). Joachim Vogel (Hg.), : Praxisratgeber Umwelt- und Produkthaftung: Strafrecht – Haftungsrecht – Gefahrenabwehrrecht. Mit Beiträgen von Joachim Vogel, Mark Nordmann, Ralf Bredehöft. Lutz Hennig. VVW GmbH, 2008. Die Verfassung moderner Strafrechtspflege: Erinnerung an Joachim Vogel (Studien Zum Wirtschaftsstrafrecht, Band 10), Nomos Verlag, 2016. Joachim Vogel, Norm und Pflicht bei den unechten Unterlassungsdelikten, Verlag Duncker und Humblot, Neue Folge, Bd. 83, Berlin, 1993. Joachim Vogel, Einflüsse des Nationalsozialismus auf das Strafrecht, BWV, Berliner Wissenschafts-Verlag, Reihe Juristische Zeitgeschichte. Kleine Reihe, Band-Nr. 12, 2004. Joachim Vogel, Strafrecht und Strafrechtswissenschaft im internationalen und europäischen Rechtsraum, Juristen Zeitung, Jahrgang 67 (2012) / Heft 1.

IV. Die Ausbootung des Denkmalamtes

Sinistra: Molino Stucky visto dalla Fondamenta San Biagio. 100×100, 2018. A destra: Molino Stucky visto dalla Fondamenta delle Zattere. 100×100, 2019, Photos: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Auf der Giudecca, an deren westlichem Ende gelegen, befindet sich die Stucky-Mühle (Molino Stucky), die als prominentestes Industriedenkmal Venedigs gilt. Das Gebäude wurde Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag des Schweizer Unternehmers Giovanni Stucky errichtet, das wie auch die Casa dei Tre Oci in neugotischem Baustil aus Backstein ausgeführt wurde. Entfernt erinnert es, auch durch die Lage direkt am Canale delle Giudecca, an Gebäude der Hamburger Speicherstadt. Nach der Schließung im Jahre 1955 und langen Jahren des Leerstands entschied sich 1995 der Milliardär Francesco Gaetano Caltagirone, ein römische Unternehmer (Caltagirone S.p.A., Cementir S.p.A., Vianini Lavori S.p.A. … sowie Teilhaber an der Assicurazioni Generali S.p.A., Unicredit S.p.A. und vielen anderen großen Gesellschaften), den in die Jahre gekommenen Komplex in ein Luxus-Hotel mit Appartements umzuwandeln, wobei er auch private Wohnungen, ein Kongresszentrum sowie Venedigs einzigen Dachpool planen ließ. Diese Arbeiten wurden 2003 durch ein überraschendes Ereignis unterbrochen. Am Nachmittag des 15. April 2003 wurde nämlich der für das Hotel vorgesehene architektonisch interessanteste Teil des Gebäudes – der ehemalige Kornspeicher mit dem turmartigen Gebäudeteil des deutschen Architekten Ernst Wullekopf – bei einem Brand großteils zerstört. Die Außenwand am Rio di San Biagio brach ein und stürzte in den Kanal.

Es wurde wegen des Verdachts auf Brandstiftung ermittelt und frappante Ähnlichkeiten mit dem Brand des Teatro La Fenice drängten sich auf. Wenige Wochen später wurde mit der äußeren Rekonstruktion der beschädigten Gebäudeteile begonnen. Von den ehemals strengen Auflagen der Denkmalpflege im Kern war man jedoch befreit. Und so konnten die Innenräume des nunmehr 380-Betten-Hotels Molino Stucky Hilton mit angeschlossenem Kongresszentrum für 1500 Personen – die Eröffnung fand am 1. Juni 2007 statt – sozusagen mit amtlichem Siegel als bedeutungsloses, gesichtsloses Ensemble reüssieren, indem niveaulos und ohne denkmalschützende Vorschriften der Innenausbau durchgeführt werden konnte.

Auf Außenwänden der ehemaligen Mühle wurde immer wieder in blutroter Farbe Caltagirone mafioso gesprayt. Der Baulöwe Francesco Caltagirone ist gemeint, „der mit den zwielichtigen Vorgängen natürlich nichts zu tun haben will – was niemand beweisen oder widerlegen kann“, wie der Journalist Tom Schulz 2018 in einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung anmerkte.

Eigentlich liegt auf diesem Gebäude seit jeher ein Fluch, der an den am Canale Grande, am Beginn des Rio delle Torreselle liegenden gotischen Palazzo Dario, erinnert. Der Mühlenbesitzer Giovanni Stucky, der um die Jahrhundertwende nach dem Steueraufkommen als reichster Mann Venedigs galt und „in seiner Großmühle und der später angeschlossenen Teigwarenfabrik bis zu 1500 Menschen Arbeit gab“ (1), wurde 1910 von einem Anarchisten namens Giovanni Bruniera ermordet – ob er ein gewöhnlicher Verbrecher, ein Geistesgestörter oder das uneheliche Kind des Unternehmers war, ist bis heute ungeklärt. Zur Rechtfertigung seiner Bluttat argumentierte er unter anderem, vom argentinischen Präsidenten Roque Sáenz Peña bzw. von König Umberto den Mordauftrag erhalten zu haben.1941 nahm sich Giancarlo Stucky, Sohn und Firmenerbe, das Leben. Es folgten Firmenzusammenbrüche, Streiks und 1955 die berühmte Firmenbesetzung. Viele Venezianer bezeichneten das in den 1960er-Jahren zerfallende Gebäude als Spukruine und mieden die Gegend des Backsteinbaus. Ein alter Fischer machte stets einen Umweg, um dem Areal großflächig auszuweichen und bog erst nach der Insel Sacca San Biagio ein, um bei Punta Fusina anzulegen. Ein Taxiboot steuerte den Rio di San Biagio nicht mehr an. Anwohner bezeugen, sie hätten wiederholt in den Fenstern Feuerschein, Lichtblitze und tanzende Lichter beobachtet. Sie führen das auf den nicht zur Ruhe kommenden Geist der Gründerin des Benediktinerinnenkonvents SS. Biagio e Cataldo, Beata Giuliana di Collalto, zurück.

Incisione in rame della Beata Giuliana, contessa di Collalto. Anonimo. collezione privata, Giudecca. Giuliana nacque a Collalto nel 1186 dal Conte Rambaldo VI e da Giovanna dei Conti di Sant’Angelo di Mantova. Educata alla preghiera, a soli 12 anni vestì l’abito di San Benedetto nel Monastero di Santa Margherita, in quel di Salarola sui Colli Euganei. e a 34 anni conobbe Beatrice d’Este con la quale fondò una nuova comunità religiosa. Giuliana di Collalto si spostò nell’isola chiamata allora Spinalonga (ora Giudecca), dove riedificò, ingrandì e portò all’antico splendore la chiesa abbattuta di San Cataldo. La chiesa divenne luogo di preghiera e penitenza dedicato ai Santi Biagio a Cataldo. Eletta badessa nel nuovo monastero, Giuliana compì molti miracoli prima e dopo la morte avvenuta il primo giorno di settembre del 1262 a 76 anni. Prima di morire, Beata Giuliana patì di forti mal di testa e per questo è ancor oggi invocata dai sofferenti di emicrania. Sepolta nel cimitero della Chiesa dei Santi Biagio e Cataldo, Beata Giuliana di Collalto, come attestano numerosi biografi, continuò a dispensare miracoli anche dopo la sua morte. Intorno al 1290, il corpo della Beata venne ritrovato integro, così come la cassa in legno. Il corpo venne dapprima collocato in una sarcofago ligneo (ora conservato al Museo Correr di Venezia) e successivamente, nel 1733, posto in un altare in marmo della chiesa dedicata ai Santi Biagio e Cataldo. Nei primi anni del Cinquecento la nomea di Giuliana come taumaturga delle emicranie cominciò a diffondersi e raggiunse una considerevole notorietà. Nel 1753 Papa Benedetto XI estese ai feudi della famiglia Collalto il culto della Beata Giuliana fino ad allora limitato alla sola città di Venezia. Portato nel 1810 nella chiesa del Redentore, il corpo di Beata Giuliana fu spostato nel 1822 nella parrocchiale di Santa Eufemia dove tuttora è venerato all’interno della cappella dedicata a Sant’Anna. Photo: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Deren Kloster und Kirche wurden aufgrund des Molinobaus 1880 abgerissen. Nur noch der malerische Hintereingang des Konvents unweit des Hotelkomplexes am Rio San Biagio gelegen, sowie die Säulen des Kirchenraums, die 1593 von Michele Sanmicheli im Zuge einer Gebäudeumstrukturierung abgebaut und in der nahegelegenen Kirche Sant’Eufemia verwendet wurden, sind erhalten geblieben. Signora Giovanna, pensionierte insegnante di scuola media, die am Rio delle Convertite wohnt und für ihre okkulten Fähigkeiten bekannt ist, erzählte mir vor einigen Jahren beim Verzehr eine Apfeltorte in Harry’s Dolci an der Fondamenta San Biagio, dass sie bei ihren nächtlichen spiritistischen Sitzungen über Klopfzeichen in regem Kontakt mit Giovanni Stucky stehe und daher wisse, dass dieser aufgrund des Kirchenabrisses keine Ruhe finden kann.

Immagini da sinistra a destraLavinia Cavaletti, La dinastia Stucky 1841-1941. Storia del molino di Venezia e della famiglia, da Manin a Mussolini, Linea Edizioni, Padova, 2018. re generazioni di mugnai di origine svizzera e le loro vicende a Venezia. Il primo arrivato, Hans, si trovò coinvolto nella Rivoluzione del 1848-49; Giovanni costruì il molino della Giudecca, divenendo a fine Ottocento l’uomo più ricco della città, e fu assassinato nel maggio 1910 da un pazzo. Suo figlio Giancarlo finì rovinato a causa della crisi economico-finanziaria degli anni Trenta, della politica economica del fascismo e dell’ostilità di alcune personalità del regime. La storia di una dinastia e di cent’anni di vita veneziana. Lo storico edificio è diventato ora un albergo. | Alexander Wolkoff-Mouromtzoff – Henri e Marie de Régnier / Annina Morosini / Enid e Henry Austen Layard / Helen D’Abernon / Frederick Rolfe, Personaggi stravaganti a Venezia tra ‘800 e ‘900 (2). Sergei Djagilev – Giovanni Stucky – Emma Ciardi – Alma Mahler Schindler – Luisa Casati – Mary McCarthy. Antiga Edizioni, Crocetta del Montello. | Medaglia Giovanni Stucky, realizzata nel 1909 dallo Stabilimento Stefano Johnson di Milano per omaggio dei dipendenti a Giovanni Stucky. | Lavinia Cavaletti, The man who built the molino Stucky 1841-1941. The rise and fall of the richiest family in Venice. Edizioni La Toletta, Venezia, 2011. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia.

Genaueres über den rätselhaften Brand ist unter dem Titel In fiamme il Mulino Stucky gravi danni allo storico edificio in der Ausgabe der La Repubblica vom 15. April 2003 unter https://www.repubblica.it/online/cronaca/stucky/stucky/stucky.html sowie im Artikel Venezia: brucia il Mulino Stucky, non escluso dolo des Corriere della Sera unter https://www.corriere.it/Primo_Piano/Cronache/2003/04_Aprile/15/mulino.shtml abrufbar(2).

(1) Robert Schediwy, Aufstieg und Niedergang der Stuckys – ein mitteleuropäischer Beispielsfall. Wirtschaft und Gesellschaft, 38. Jahrgang (2012), Heft 2.
(2) Corriere della sera, In primo piano/cronache: L’edificio in ristrutturazione sul canale della Giudecca è stato semidistrutto. Sindaco: inspiegabile. Evacuate le case vicine. 15 aprile 2003.

Veduta del Palazzo Vendramin alla Giudecca di Luca Carlevarijs. In sottofondo la Chiesa di San Biagio e San Cataldo (c. 1705). Collezione Sackl-Kahr Sagostin, Venezia. Photo: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

I misteri veneziani

Sotoportego de L‘ Arco Celeste, 100×100, 2014. (Direzione Bacino Orseolo e direzione Piazza San Marco) Foto: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Venezianische Mysterien. Intime Bälle, geheimnisumrankt, fast konspirativ. Verschwiegenheit über ausschweifende Festlichkeiten im Palazzo Balbi-Valier. Unterdrücktes Prinzessinnenlachen aus dem Dickicht eleganter, mit dunkelrotem Brokat bespannter Fauteuils. Ausschließlich Kerzenlicht erhellt den Ballsaal, diskret und voller Elegance. Interieur, Roben und Uniformen beschränken sich auf eine noble Palette von gedämpften Grau-, gedeckten Ocker- und satten Rottönen. In beinahe erblindete Spiegel werfen vergoldete Masken Lichtblitze, Sternschnuppen, die an den trüben, verglasten Wänden wie Leuchtfeuer aufblitzen. Ein intimes und der Öffentlichkeit versperrtes Paradies, das ich Zigarre rauchend, mit dem Blick des gelangweilten Voyeurs, erkunde. Vor der Fensterfront, die den Blick auf den Canalezzo freigibt, beginnt das Barockorchester zu spielen. Eine der Vivaldi-Triosonaten da camera für zwei Violinen und Basso continuo.

Venetiarum amplissima & maritima urbs cum multis circumiacentibus insulis/Cosmographia universalis, Sebastian Münster, 1550. La Cosmographia universalis di Sebastian Münster, pubblicata in più edizioni a partire dal 1544, è la prima descrizione del mondo in lingua tedesca. Proprietà privata, Venezia. Riproduzione: Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Am Buffet werden Schalen mit Polentapralinés gereicht, auf denen kunstvolle Türmchen aus gedrehten Kalbsleberstreifen arrangiert wurden. Mit Zwiebeln, Olivenöl, Weißwein und Salbei zubereitet – die klassische Art der heimischen Delikatesse fegato alla veneziana. Dazu gekühlter Venissa Bianco von der Isola di Mazzorbo. Zum Champagner danach Mandorlini, Panna Cotta auf Erdbeercarpaccio, Sfogliatelle und Amarettini, drapiert auf Ziertellern aus historischem Muranoglas.

Das mitternächtliche Gedränge auf der Tanzfläche ist beängstigend. Die Leiber der rotierenden Gäste werden aneinandergepresst, verknoten sich zu einem wogenden, ekstatischen Knäuel. Ein olfaktorisches Gesamtkunstwerk, in seiner Sinnlichkeit nicht zu übertreffen: die Vermählung von Zigarrendunst, der Duft von Ambra, Orangenblüte und exotischen Parfums, Schweißgeruch, den Ballkleidern erhitzter Tänzerinnen anhaftend, sowie ausgeatmeter süßlicher Rauch ägyptischer Zigaretten.

Immagini da sinistra a destra: Salvador Dalí, Veduta di Piazza San Marco a Venezia. Prodotto a Limoges, edizione numerata 621/4000., diametro 27 cm. Maurice Sand, Colombina in Commedia de’ll arte. Nicolas Remin, Gondeln aus Glas (Gondole di vetro), Kindler Verlag, 2007. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Sagostin.

Weit nach Mitternacht. Nächtliche Schritte, begleitet von rhythmischem Schellenklang auf der Holzbrücke, die den Hof des Palazzo mit der vis-à-vis gelegenen Fondamenta verbindet. Vielleicht venezianische Schnallenschuhe, die dieses Klingen und Stampfen verursachen? Ist es der 1355 enthauptete Doge Marino Falier, noch immer auf der Suche nach seinem Kopf? Nächtens, vor dem Dogenpalast, tönt stets das Echo seines leisen Wimmerns. Wer sind die eleganten Herren in Uniform, die gerade am Buffet plaudern? Welcher Familie entstammt die junge Dame im schwarz-goldenen Ballkleid, deren Hals ein samtenes Kropfband ziert? Eine florale Brosche aus Diamanten und Perlen hält es zusammen. Ist es die berühmte Sopranistin und Schauspielerin Lina Cavalieri, die demnächst an der Metropolitan Opera in New York City auftreten wird? War Antonio Vivaldi der Gründer des ersten Frauenorchesters, als Musiklehrer im Ospedale della Pietà, dem Waisenhaus für junge Mädchen? Haben im 16. Jahrhundert wirklich 11.000 Kurtisanen auf der Insel residiert? War es Henry James, der, auf die unüberschaubare Menge von Werken der bildenden Kunst und Literatur anspielend, über Venedig schrieb: „Keine andere Stadt auf der Welt kann man so leicht besichtigen, ohne sie je aufsuchen zu müssen“? In der Ca’ Dario wurde Filippo Giordano delle Lanze, Graf von Turin, Kunst- und Antiquitätenexperte, tot aufgefunden. Ermordete ihn sein Liebhaber, der kroatische Seemann?

Lina Cavalieri, all’anagrafe Natalina Adelina Cavalieri (Roma, 24 dicembre 1875 – Firenze, 8 febbraio 1944), è stata un soprano e attrice cinematografica italiana. Moro veneziano/Spilla Moretto in oro giallo 18 carati con diamanti taglio a brillante del peso complessivo di circa 1,75 ct, giaietto inciso, rubini e perle. Ca‘ Dario è un palazzo di Venezia, situato al civico 353 nel sestiere di Dorsoduro, che si affaccia direttamente sul Canal Grande. L’edificio è famoso per una serie non correlata di eventi spiacevoli successi ad alcuni dei suoi proprietari. Questo ha alimentato una suggestione popolare che vede l’edificio come „maledetto“. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Sagostin. Foto Lina Cavalieri: Léopold-Émile Reutlinger, Paris.

Mysteriöse Geschichten und Mirakel, die mir in dieser Ballnacht durch den Kopf gehen. Fragen über Fragen. Wie dachte Conte Alvise Tron so herrlich zeitabgewandt im Werk des Berliner Literaturwissenschaftlers und Kunsthistorikers Nicolas Remin, Gondeln aus Glas:

Tron seufzte und lehnte sich wieder in die Polster zurück.
Er schloss die Augen.
Noch ein, zwei Jahrtausende,
und diese Stadt würde keine Geheimnisse mehr für ihn bergen.

Autoritratto Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Fondamenta Venier dai Leon, Venezia, 13 aprile 2008. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Sagostin.

Viaggio invernale

Su Gerhard Roth, acqua alta e la legge fisica dell’entropia
Über Gerhard Roth, acqua alta und das physikalische Gesetz der Entropie
About Gerhard Roth, acqua alta and the physical law of entropy
Acqua Alta – Calle Lunga Santa Maria Formosa, 100×100, 2020. La Libreria Acqua Alta si trova in un angolo particolare di Venezia, distante dai flussi turistici più ossessivi, ma allo stesso tempo vicino ad una delle più belle chiesa di Venezia, la Chiesa di Santa Maria Formosa. Foto: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Die Nächte der kalten Jahreszeit, beherrscht vom scharfen Atem der graugrün-gläsernen Rii durchwache ich gerne, in dem ich auf der Giudecca am Tresen einer Bar vor frühmorgendlicher Sperrstunde, alkoholisch gewärmt, wiederholt Werke des in Graz 1942 geborenen Schriftstellers Gerhard Roth lese, die in Venedig spielen.

Wunderbar skizziert der Autor in seinem Roman Die Irrfahrt des Michael Aldrian die winterliche Lagunenstadt. Der Protagonist Aldrian, Maestro suggeritore an der Wiener Staatsoper und Freizeitzauberkünstler, überquert gerade die Rialtobrücke, um den Weg entlang der Arkadenbögen des Fischmarktes zum Haus seines Bruders einzuschlagen. Gerhard Roth beschreibt an dieser Stelle die Wetterkapriolen der vom Hochwasser heimgesuchten Stadt: Die Flocken fielen schräg vom Himmel, der milchig und grau war. Später notiert er: Die Fernsehantennen wackelten und nickten leicht im Wind, wie Pflanzen aus Draht. Oder auch: Zwei Kirchtürme … waren … wegen des niedrigen, grauen Himmels nur schattenhaft zu erkennen. Also sei dieser Roman schon allein wegen der Beschreibung winterlicher Kulissen den leidenschaftlichen Flaneuren, die sich gerne in den kalten Schluchten Venedigs bewegen, innig ans Herz gelegt – sozusagen frostig anempfohlen.

Piazza San Marco a gennaio, 1930s. Foto: autore sconosciuto, Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste. Riproduzione: Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Der Romanheld Roths, der seine Tätigkeit als Souffleur in der Wiener Staatsoper nach einem Ohrinfarkt beenden muß, beschließt einen ungewöhnlichen, sehr individuellen Reiseführer über die Lagunenstadt zu verfassen. Er besucht deshalb San Servolo, von Einheimischen als Insel der Wahnsinnigen bezeichnet, durchwandert den verschneiten Park sowie die Gebäude der ehemaligen Psychiatrie. Seit 1725 wurden hier geistig Kranke untergebracht, zunächst ausschließlich Patienten aus wohlhabenden Familien, die es sich leisten konnten, für Kost und Logis aufzukommen. Am Beginn des 19. Jahrhunderts wurde ein Irrenhaus für Männer und Frauen eingerichtet – heute das Museo del Manicomio beherbergend. Es ist nunmehr auch Sitz des Istituto per le Ricerche e gli Studi sull´Emarginazione Sociale e Culturale, das durch eine Stiftung des Europarates um das Europäische Zentrum Venedig für die Berufe in der Denkmalpflege (Centro Europeo di Venezia per i Mestieri della Conservazione del Patrimonio Architettonico) 1977 erweitert wurde. Mit seinem Freund und Kollegen Lorenzo Verra, tätig als Maestro suggeritore im Teatro La Fenice bespricht sich der Protagonist des Romans im Maurischen Zimmer des Caffè Florian bei Pfefferminztee und Keksen. Durch einen Aufseher des Museo Fortuny hat er Gelegenheit, die oberen Etagen des Palazzo Pesaro degli Orfei zu erkunden, das verschlossene Atelier des Universalkünstlers Mariano Fortuny y Madrazo, Magazine und Bibliotheken, gefüllt mit Gemälden, afrikanischen Büsten, Totenmasken, Wildtierskeletten, alten Atlanten und historischen Fotoalben. Nicht zuletzt erforscht Michael Aldrian den Palazzo Ducale, ergeht sich in der Schönheit von Stuckaturen und Deckenfresken, philosophiert über Terrazzo-Fußböden, die das Licht spiegeln, erinnert sich an Zeugnisse, die von Gefangenen im Keller und in den Bleikammern erhalten sind sowie an die Flucht Casanovas über die Palastdächer. Im Laufe des Romans wird er auch vom Direktor der Biblioteca Marciana, Dr. Marino Zorzi, empfangen, mit dem er die unzählbar vielen Räume seines Gebäudes durchschreitet, … sie überquerten Brücken voller Bücher, die durch Räume voller Bücher in die nächsten Räume voller Bücher führten.

Immagini da sinistra a destra: Gerhard Roth, Winterreise, Fischer Verlag, Prima Edizione, 1978. Giulio Obici, VENEZIA fino a quando? Marsilio Editori, Padova 1967 – Prima Edizione, Febbraio 1967. Prefazione di Teresa Foscari Foscolo. Nota storica di Cesare De Michelis. Gerhard Roth, Die Irrfahrt des Michael Aldrian, Fischer Verlag, Prima Edizione, 2017. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. (Gerhard Roth (Graz, 24 giugno 1942) è uno scrittore austriaco. Dopo aver studiato medicina, ha lavorato per oltre dieci anni in campo informatico. Esponente di spicco del Gruppo di Graz, ha iniziato a scrivere nei primi anni ’70 ed è maggiormente noto per L’autobiografia di Albert Einstein (Die Autobiographie des Albert Einstein, 1972) e per il ciclo di 7 romanzi Landläufiger Tod. Il suo stile è careatterizzato, in ossequio alla sua formazione scientifica, dal pronunciato realismo e da un tono scientifico e quasi clinico nel descrivere eventi e stati d’animo dei protagonisti delle sue opere.

An diesem Werk begeistert mich besonders die Beschreibung der winterlichen Exkursionen des Protagonisten. Die Handlung tritt mir in den Hintergrund. Über Verlauf und Abfolge will ich daher nur so viel verraten: Eingebettet ins Ambiente des Karnevals und dem Unbill des Winterwetters wird Michael Aldrian, der mit Beatrice, einer Journalistin und Vertrauten seines in der Lagunenstadt lebenden Bruders und dessen Frau – beide sind auf rätselhafte Weise verschwunden – eine Liaison beginnt, immer tiefer in geheimnisvolle, kriminelle Machenschaften verwickelt. Der plötzlichen physischen Überforderungen und den intellektuellen Strapazen dieser Verbrechensgeschichte, wie sie der Autor selbst tituliert, ausgeliefert, versinkt Aldrian in albtraumhaften Zuständen. Seine plötzliche Empfindungslosigkeit, Passivität und sein anmaßendes Verhalten münden abrupt in Ausbrüchen von Gereiztheit und Raserei. Zuschauer- und Täterschaft der Hauptperson werden in diesem Werk von Gerhard Roth eins, ein Amalgam aus Irrsinn, venezianischen Märchengeschichten und literarischer Räuberpistole – der Legende nach lügen Venezianer ja auch famos, ausufernd und versuchen sich in ihren Geschichten stets zu übertreffen.

Klammert man die Kriminalgeschichte aus, ist der Roman selbst jener unkonventionelle Reiseführer, den die Hauptperson Michael Aldrian im Sog der Ereignisse niemals fähig sein wird, zu schreiben. Und dieser endet wie in Roths frühem, vor fast 40 Jahren erschienenen, größtenteils auch in Venedig spielenden Werk Winterreise mit einem sprichwörtlichen Abflug ins Ungewisse. Die letzten Sätze in Die Irrfahrt des Michael Aldrian (2017 erschienen) lauten: „Irgendwann“, sagte Beatrice zu ihm, als sie im Flugzeug Platz genommen hatten, „werden wir zur Ruhe kommen. Und dann“, sie machte eine kurze Pause, „erzählst Du mir, wie es wirklich war.“ Der Roman Winterreise, erschienen 1978, in dem der Autor schildert, wie ein Lehrer am Silvestertag seinen Beruf aufgibt, um mit seiner Freundin eine Reise durchs winterliche Italien zu begehen, schließt folgend: Als es hell wurde, fuhr Nagl nach Mestre. Er konnte den Engel am Himmel nicht mehr sehen. Von Mestre nahm er einen Bus zum Flughafen Marco Polo und löste ein Ticket nach Fairbanks, Alaska.

Ombra e luce – musica veneziana della notte

Rio de San Maurizio (nel Sestiere die San Marco) visto dal Ponte (Corner) Zaguri – Notte d’autunno alle 23.00, 100×100, 2020. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Ich liebe die venezianischen Schatten der Nacht. Sie haben die Farbe chinesischer Tusche. Einen ganz speziellen Ton von dumpfem Schwarz, der sich in Tintorettos Tiefen findet. Dieses Schwarz fängt das Streiflicht. Hinterlässt mit leuchtendem Weiß gehöhte Malerei. Die durchdringendsten Kontraste – intensivstes Chiaroscuro – finde ich nach Mitternacht in den engen Gassen Venedigs. Über kleine Kanäle führend, unter ihren steinernen Brückenbögen, wo die Schwärze ins Unendliche reicht, sammelt sich mikroskopisch kleines, reflektierendes Lampenglühen, wie mit Speerspitzen in Asche geritzt. Besonders intensiv entlang der Calle Castagna, wo sie den Rio de San Zanirovo quert, parallel zur Calle de la Corona. Weißblutende hauchzarte Schnitte von Rasierklingen im Schwarz. Die Lichtregie von Caravaggio, where dramatic chiaroscuro becomes a dominant stylistic device. Genannt Tenebrismo – Caravaggios spezielle Methode, Formen mit Schlagschatten und Spitzlichtern bis zur Abstrahierung zu modellieren. Gemalte Low-key-Photographie am Ende des 15. Jahrhunderts. Aggressiv tanzen grelle Lichtpunkte auf schwarzen Wasserflächen. Zuckende Reflexionen, begierig nach Aufmerksamkeit. Strahlenkegel, die in ihrem Geflimmer kalligraphische Muster zeichnen. In der Schnelligkeit ihres Aufblitzens vergehen sie schon. Ein Sterben während der Geburt. Metropolis-Illuminierung mit einer Lichtregie, die Robert Wiene im Film Das Cabinet des Dr. Caligari Anfang der 20er-Jahre anwandte.

From left to right: Olga Rudge, Rome 1915. Violin Recital Olga Ruge. Invitation to the Aeolian Hall Concert on November 1920. Rudge continued her association with the pianist Renata Borgatti and pursuing her interest in modern Italian music, giving concerts with Borgatti and Pizzetti at the Sala Bach in Rome in 1921, and joining Renata Borgatti again at the Salle Pleyel in 1922. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Diese Lichtschatten werden stets begleitet durch den sphärischen Klang der Violine von Olga Rudge. Er wandert entlang der Rios, läuft über Brücken, durchweht Campi und sucht sich zwischen den Blumen der Giardini einen Rasenpolster zum Ausruhen. Durcheinandergewürfelte Kompositionsfragmente von Mozart, Bach, Vivaldi und George Antheil scheinen es zu sein, vielleicht von Rudges Haus in der Calle Querini auf einer Frequenz ausgestrahlt, in der sich Licht und Schatten die Nacht teilen, kopulierend Einswerden.

Aurélie Tremblay and the Taiwanese conductor Chin-Chao Lin who was engaged as the new General Music Director at the Regensburg Theatre in May 2018. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Zurück auf der Giudecca empfängt mich die samtene Schwärze der Fondamenta Croce. Richtung Redentore überquere ich die Brücke und höre schon das Klavierspiel von Aurélie, meiner Frau, aus dem Fenster an der Fondamenta auf Höhe des Convento Santissimo Redentore. Fast gegenüber der Villa delle Rose, die am Rande des Giardino Eden am Wasser steht. Meisterhaft spielt sie nächtens oft La Valse und schickt Maurice Ravels Wiener Musik, die er in seiner Komposition mit impressionistischer Rhythmik ausgeweitet zu einem Tanz wirbelnder Derwische anschwellen läßt, in die Fluten des Rio della Croce. In einer Orgie aus Gewalt und Chaos endend, prallt dieses Poème choréographique pour Orchestre, mit ihren dissonanten Schlußharmonien stakkatoartig auf die Wasserfläche des Rio della Croce. The orchestra reaches a dance macabre coda, and the work ends with the final measure as the only one in the score not in waltz-time. L’orchestra raggiunge la Coda come una danse macabre in cui la melodia sfatta nei suoi aspetti cromatici e con i glissandi dei tromboni assurge a una connotazione grottesca.

photo © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

In Herbst- und Frühlingsnächten, in denen undurchsichtige Dunstschleier wie schwarze Wäschestücke – Totenhemden – über dem Kanal hängen, explodiert diese Musik förmlich und vereint sich mit der Finsternis der Insel. Einer Giudeccafinsternis, die den Abgesang auf die Reflexion heller Kronleuchter in den Palazzi entlang des Canale probt. Bizarre Lichtblitze, radioaktiv verseuchter, leuchtender Adern androgyner Frauen gleich, kontrapunktieren die unendliche Schwärze. In dieser Nacht aber spielt meine Frau nicht Ravel. Sie trägt Werke von Liszt und Brahms vor, auf der Klaviatur ihres Konzertflügels, der durch die Launen des Wetters und die Feuchtigkeit Venedigs unmäßig oft gestimmt werden muß. Ein Instrument, das in den 20er-Jahren direkt von der Hamburger Steinway-Fabrik in der Schanzenstraße auf die Insel geliefert wurde. Der Flügel von undurchdringbarer Schwärze, in dessen glänzender Oberfläche sich natürlich auch die zuckenden kalligraphischen Muster der nächtlichen Strahlenkegel spiegeln, zurückgeworfen vom unruhigen Wasser des Rio della Croce.

photo © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin
Olga Rudge founded the Centro di Studi Vivaldiani within the Accademia Chigiana in 1938. Settimana celebrativa di Antonio Vivaldi, Programma delle manifestazioni. Accademia Musicale Chigiana, 16-21 setembre 1939. (L’Accademia Musicale Chigiana apre ufficialmente i suoi corsi di perfezionamento nel 1932. Fin dai primi decenni del secolo, tuttavia, il Conte Guido aveva cominciato a trasformare il Palazzo Chigi Saracini in un tempio per la musica abitualmente frequentato da artisti come Ottorino Respighi e Alfred Cortot. L’amicizia con Alfredo Casella, presto diventato uno dei suoi più importanti sodali, spinse il Conte ad ospitare a Siena nel 1928 il VI Festival della Società Internazionale di Musica Contemporanea. In quell’occasione vennero suonate in prima assoluta musiche di Prokof’ev, Walton, Casella, Ravel, Webern, Hindemith e De Falla, il quale partecipò personalmente all’esecuzione. Numerosi sono i complessi nati in seno alla Chigiana come il Quintetto Chigiano (poi divenuto Sestetto) nel 1939, il Quartetto Italiano nel 1942. L’ambizione per il recupero dei tesori della antica musica italiana portò per volere del Conte alla nascita dei Madrigalisti dell’Accademia Chigiana nel 1950.)
photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Venezia.

Con il vaporetto 4.2 per Zitelle e il Signore Jacques Henri L.

Casa dei Tre Oci, poco prima di mezzanotte, 100×100, 2020 – una splendida testimonianza dell’architettura veneziana di inizio ‘900. A destra Casa Frollo. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Die Nacht naht. Noch schneiden Gondeln glitzernde Striemen ins Meer. Schiffsschrauben der Vaporetti peitschen die Flut, verbiegen Wellenspitzen zu Tränentälern, schäumen die Spiegelung verfallender Palazzi in abstrahierte Unkenntlichkeit. Zuckende Abendsonnenstrahlen ertrinken im Canale della Giudecca. Im Zentrum der Lagune auf unruhiger Wasserfläche ein taumelndes Schiffchen aus Zeitungspapier. Ein schwimmender Hut, dessen Feder einem Segel gleicht. Ein verlorenes Kinderspielzeug auf großer Fahrt ins Unendliche. Oder eine Möwe, die wippend in einem Schaukelstuhl auf San Giorgio Maggiore zutreibt. Anlegemanöver. Wie die rostigen Angeln einer Kirchentür knarrt das Tau beim Festmachen. Der Dieselantrieb lässt das Holz des Bootsbodens erzittern. Es tönt nach gefährlichem Hundeknurren. Im Wellengewirr des anklatschenden Wassers vereinzelt Engelsgesang, vibrierende Markuslöwenlieder eines imaginären, übersinnlichen Chores.

Der Schritt vom Boot auf das Plateau des schwimmenden Anlegehäuschens ist kurz. Ein schneller Weg von schaukelnden Plattformen auf festen Grund – auf die behauenen Felsblöcke der von Holzpfeilern getragenen Fondamenta. The Stones of Venice … Vorbei an Casa Frollo und Casa dei Tre Oci, in der gerade der französische Photograph, Maler und Schriftsteller Jacques Henri Lartigue präsentiert wird.*** Auf beiden Seiten des Eingangs killen die Werbebanner der Ausstellung wie Segel im Wind. Nur ein paar Schritte weiter, Richtung Andrea Palladios Santa Maria delle Presentazione, ist die Bar Zitelle geöffnet. Mit einem Glas Vecchia Romagna und einer filterlosen Senior Service stehe ich jeden Abend am Kai und beobachte, wie sich am gegenüberliegenden Ufer die Kandelaber entzünden. Eine Bühnenbeleuchtung, die das San-Marco-Panorama mit goldenem Glasstaub aus Murano zu bedecken scheint. Irgendwann hat Harold Brodkey (Aaron Roy Weintraub) die Illumination Venedigs treffend phrasiert: Das Licht fährt zwischen und über die Gebäude, es kitzelt die Wasserflächen.

From left to right: Giudecca, Color Lithograph N°684 by Friedensreich Hundertwasser, 42.5 x 60, Venice, November 1968. Senior Service – The delicious cigarettes by Gallaher Group, based in Wexbridge, Surrey/England. The brand is named after the nickname of the Royal Navy. Elvis Costello wrote a song titled „Senior Service“ in 1979 with many references to smoking a cigarette. Anonimo Veneciano, a 1970 Italian drama film written and directed by the famous Italian actor Enrico Maria Salerno. It starred American actor Tony Musante and Brazilian actress Florinda Bolkan. Partially filmed in the Casa dei Tre Oci on the Giudecca. All reproductions, objects and photography: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Nach Mitternacht: der Weg nach Hause. Meine forschen, geradezu in den steinernen Untergrund gemeißelten Schritte synkopieren den ins Gedächtnis gebrannten Text: The Cantos. Ezra Pound: Will I ever see the Giudecca again? – or the lights against it … Olga Rudge – mit dem Dichter für immer Seite an Seite auf der Insel San Michele – spielt für ihn auf imaginären Bühnen Sujet pour violin. Both lives pierced by arrows – Beider Leben von Pfeilen durchbohrt. Both lives united for eternity only after death – Beide Leben erst nach dem Hinscheiden geeint. Und das Danteske Chaos davor? Es ist in John Berendts Werk Die Stadt der fallenden Engel nachzulesen … (The book tells the story of some exceptional inhabitants of Venice, whom the author met while living there in the months following a fire which destroyed the historic La Fenice opera house in 1996.)

From left to right: The City of Falling Angels, Penguin Press / London 2005 (The book tells the story of many American and English expatriates who went to live in Venice, from Daniel Curtis, who owned Palazzo Barbaro where Henry James and John Singer Sargent were guests, to the poet Ezra Pound, who lived the last part of his life in Venice with his long-time mistress Olga Rudge). Olga Rudge and Ezra Pound: „What Thou Lovest Well…“ by Ann Conover / Yale University Press 2001. (A loving and admiring companion for half a century to literary titan Ezra Pound, concert violinist Olga Rudge was the muse who inspired the poet to complete his epic poem, The Cantos, and the mother of his only daughter, Mary.) The City of Falling Angelspaperback edition, Sceptre 2006.

*** Jacques Henri Lartigue – L’invenzione della felicità,
curata da Marion Perceval e Charles-Antoine Revol, rispettivamente direttrice e project manager della Donation Jacques Henri Lartigue, e da Denis Curti, direttore artistico della Casa dei Tre Oci, è organizzata da Civita Tre Venezie e promossa da Fondazione di Venezia, in stretta collaborazione con la Donation Jacques Henri Lartigue di Parigi, con il patrocinio del Ministero della Cultura francese. 11.07.2020 – 10.01.2021, venerdì-domenica, 11-19)

*** Jacques Henri Lartigue The Invention of happiness,
curated by Marion Perceval and Charles-Antoine Revol, respectively director and project manager of Donation Jacques Henri Lartigue, and Denis Curti, artistic director of the Casa dei Tre Oci, is organised by Civita Tre Venezie and promoted by Fondazione di Venezia, in close collaboration with Donation Jacques Henri Lartigue in Paris, under the patronage of the French Ministry of Culture. July 11, 2020 – January 10, 2021, Friday – Sunday, 11am -7pm)

From left to right: Un dandy à la plage de Bernard Toulier (Les grandes séquences de la vie de Jacques Henri Lartigue (1894-1986) recoupent celles de l’histoire balnéaire française, de la découverte du monde marin à celle du tourisme de masse) / La Decouverte, 2016. Jacques Henri Lartigue (The selection of photographs reproduced here represents the best examples of his most popular themes) / Editions Flammarion, 2019. The Invention of Happiness (A charming portrait of early-20th-century European society through the lens of Lartigue, with 55 unpublished photographs) / Marsilio Editori, 2020. Life in Color de Martine D’Astier (Lartigue, la vie en couleurs se présente comme une magnifique occasion de découvrir un pan inédit de l’œuvre de Jacques Henri Lartigue, ses clichés en couleurs n’ayant été jusqu’ici que très partiellement montrés et restant, dans leur grande majorité, parfaitement inconnus) / Abrams, 2016

Casa Frollo – Erinnerungen und Aktuelles

Abb. von links nach rechts:  André Masson „Dormeuse à la Casa Frollo, 1962. Photographie: Alfred Fontano von Zwentendorf, 1962. Ausstellungskatalog Domingo de la Cueva, Venezia 1974. L’Illusione Di Sciltian – Inganni Pittorici Alla Prova Della Modernità, Ausstellunskatalog, herausgegeben von Stefano Sbarbaro, Edizioni Polistampa, Firenze 2015 (The catalogue of a great retrospective exhibition staged in Florence, at Villa Bardini, from 3 rd April to 6th September 2015, covers the entire artistic life of Gregorio Sciltian, which develops over a period of more than sixty years. The book reproduces oil paintings, drawings and graphic works from major national museums such as Uffizi Gallery in Florence, National Gallery of Modern Art in Rome, Gallery of Modern and Contemporary Art in Bergamo and Pinacoteca Vaticana, as well as paintings from the artist’s personal collection now housed at Vittoriale of Gardone Riviera (Brescia) and other private funds. The volume also includes a selection of works by other authors selected on the basis of stylistic and inspirational affinity or contrast: in addition to Pietro Annigoni and other members of the group of Modern Realist Painters, there are paintings by artists such as Giorgio de Chirico, Carlo Socrates, Renato Guttuso, Aligi Sassu). Kataloge und Reproduktionen: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Auf der Giudecca glichen die Jahre 1961 und 1962 einem Füllhorn voll von ästhetischer Unruhe und kreativem Geist. Es ergoß sich in Form unzählbarer, stilistisch verschiedenster und einzigartiger bildnerischer Schöpfungen über die ganze Welt. Das Gros künstlerischer Aktivität schien sich in der Casa Frollo und benachbart in der Casa dei Tre Oci zeitgleich abzuspielen. Gregorio Sciltian entwarf eine Serie von großdimensionierten dipinti religiosi, u. a. sein Hauptbild Il Bettesimo di Gesu für die Basilica romano del Sacro Cuore Immacolato di Maria. André Masson, der französische Maler, Graphiker und Bildhauer, logierte im ersten Stock der Casa Frollo und brachte seine privaten Eindrücke auf der Giudecca mit Bleistift und Kreide zu Papier. In ihrer Erotik und zeichnerischen Genialität sind sie fast mit seinen frühen Radierarbeiten für Louis Aragons Werk Le Con d’Irène (Irènes Möse) vergleichbar. Der Kubaner Domingo de la Cueva entwarf eine Etage darüber erste futuristische Schmuckkollektionen, die er Jahre später mit seinem Freund Gianni Pappacena in New York präsentierte.

Abb. von links nach rechts:  50- und 100-Liremünzen aus dem Jahr 1956 – sie weisen auf das Erscheinungsdatum des Werkes For a King’s Love hin. Karte vom Hotel Minerva in Firenze an Mrs. Forman in der Casa Frollo. Mit einer abgestempelten 10-Centesimi-Marke, Venezia 1913 (Die rote 10-Centesimi-Marke – Ersterscheinung 1906 – wurde in Italien oftmals falsifiziert verkauft. Nach der Auflage von 1918 folgte die Version aus dem Jahre 1919, die als „Mailänder Fälschung“ zu einem gesuchten philatelistischen Objekt avancierte. Alexandra von Griechenland, London 1943. Ab 1944 die Ehefrau von König Peter II. war sie für ein Jahr Königin von Jugoslawien im Exil. For a King’s Love: The Intimate Recollections of Queen Alexandra of Yugoslavia, Odhams Press Limited, Long Acre, London 1956 (Erstausgabe). Alexandra von Griechenland schrieb diese Memoiren im Giardino Eden auf der Giudecca. Alle Reproduktionen und Objekte: © Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Frederick Eden in seinem Garten um 1910. Foto: Privatbesitz, Giudecca.

Zeitgleich hatte Friedensreich Hundertwasser mit seiner Retrospektive bei der XXXI. Biennale 1962 großen Erfolg. Wohnhaft auf der Giudecca, verliebte er sich sofort in den historischen Giardino Eden unweit der Casa Frollo. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieser Garten vom Engländer Frederik Eden und seiner Frau Caroline aus einer ursprünglich landwirtschaftlich genutzten Fläche erschaffen. Marcel Proust, Rainer Maria Rilke, George Bernard Shaw, Gabriele D’Annunzio, Ernest Hemingway, Jean Cocteau und Eleonora Duse besuchten dieses Areal immer wieder, das im 16. Jahrhundert erstmals von Mönchen genutzt wurde. Nach Caroline Edens Tod im Jahr 1928 kaufte Prinzessin Aspasia von Griechenland das Anwesen. Ihre Tochter Alexandra von Griechenland, die mit Peter II. Karađorđević, dem ins Exil verbannten König von Jugoslawien, verheiratet war, schrieb in diesem Garten ihre Memoiren For a King’s Love (The Intimate Recollections of Queen Alexandra of Yugoslavia).

Detail aus der Karte Venice. – Published by the Society for the Diffusion of Useful Knowledge, 59. Lincoln’s Inn Fields, July 15, London 1838. Man erkennt die aufwändigen Gartenanlagen auf der Giudecca in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich um die Chiesa di Santa Croce erstreckten. Das grün umrahmte Feld markiert die aktuelle Größe des Giardino Eden.

1979 erwarb Hundertwasser über seine Schweizer Firma Namida AG dieses Anwesen – den fast 15.000 Quadratmeter großen Garten samt dem Palazzo Villa delle Rose an der Fondamenta della Croce. Zu seinen Lebzeiten war die Immobilie im Besitz der Grüner Janura AG – einer weiteren Aktiengesellschaft Hundertwassers in der Schweiz. Leider ist dieses Paradies versperrt und nicht besuchbar. In den Versen John Miltons Paradise Lost lebt das Grundstück mit den hohen Bäumen und den blumenbewachsenen Wiesen aber für immer weiter: Thus was this place / A happy rural seat of various view: / Groves whose rich trees wept odorous gums and balm; / Others whose fruit burnished with golden rind / Hung amiable.

Abb. von links nach rechts: Hella von Königsbrun, Konzertgeigerin und Aquarellistin. Der große Salon der Casa Frollo mit dem Ausblick auf Santa Maria della Salute.Federzeichnung von Hugo de Soto aus dem Jahr 1962. Johann Wolfgang von Schaukal (1900-1981), Maler, Volksbildner, Theaterzeichner in Berlin (1931), Privatassistent von Herbert Boeckl an der Akademie der bildenden Künste in Wien (1937-1938), Professor für künstlerische Gestaltung an der Technischen Hochschule Graz (1964-1969). Photographien: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Objekte: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

In anderen Räumen der Casa Frollo wohnte mein Stiefvater, der 1962 seinen Freund Wolfgang von Schaukal – Maler, Volksbildner und Inhaber eines Lehrauftrags für künstlerische Gestaltung an der Technischen Hochschule Graz – mitgebracht hatte. Ihre analytischen Diskussionen über das Werk des Malervaters, des Jugendstilautors Richard von Schaukal, und über Anton Kolig waren unerschöpflich und endeten meist in ausgedehnten Reisen, die durch arkadische Landschaften des hochprozentigen Alkohols führten.

Abb. von links nach rechts: Mein Stiefvater Dr. Alfred Fontano von Zwentendorf in der Bar neben der Casa Frollo auf der Giudecca, 1976. Queen Alexandra’s Christmas Gift BookPhotographs From My Camera“. Published by The Daily Telegraph, London 1908. Eine Erstausgabe aus der Large Library der Casa Frollo. Mit meinem Stiefvater auf Murano“, 16. August 1971. Libro delle prenotazioni di Flora Soldan, Casa Frollo 1970. Photographien: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Eine Etage darüber arbeitete der kubanisch-amerikanische Künstler Hugo de Soto an feinen Federzeichnungen von venezianischen Palazzi und deren Gärten. Durch seine persönliche Interpretation des Schattens in der Architekturzeichnung, nämlich den Tiefen durch Weglassungen Form zu geben oder dunkle Bereiche durch Aussparung anzudeuten, erzielte er besonders eindrucksvolle Bildkompositionen. Die Konzertgeigerin und Malerin Hella von Königsbrun – Enkelin des steirischen Malers, Ceylonreisenden und Professors an der Landschaftlichen Zeichenakademie in Graz, Hermann von Königsbrun (1823-1907) – logierte 1961 im Kleinen Salon und arbeitete an aquarellierten Skizzen des Gemüsegartens.

Abb. von links nach rechts: Lorenzo Lotto – Portraits, Ausstellungskatalog von Enrico Maria dal Pozzolo, Museo Nacional del Prado, 2018. Ein goldenes Meisterstück des Creatore di gioielli, Domingo de la Cueva. Gustaw Herling-Grudziński, Das venezianische Porträt, 1995 unter dem Titel Le portrait vénitien et autres récits in der Collection L’Arpenteur (Gallimard) in Paris und 1996 in deutscher Übersetzung im Verlag Hanser erschienen. Gregorio Sciltian – 30 trompe-l’œil, Coverentwurf, Hoepli Editore, Milano 1980. Alle Reproduktionen und Objekte (außer der Broche von Domingo de la Cueva): © Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Gemälde und Zeichnungen waren in der Casa Frollo allgegenwärtig. In meiner Erinnerung ist ein Ölbild aus den 50er-Jahren niemals verblaßt, stilistisch der italienischen Hochrenaissance nachempfunden. Es hatte in meinen Kindertagen seinen Platz beim Stiegenaufgang, der im Eingangsbereich in den großen Salon der ersten Etage führte. Es stellte das Doppelportrait eines aristokratisch anmutenden Knaben mit mädchenhaften Zügen dar, das mit einer aufwendig in zopfartiger Form geschnitzten, partiell vergoldeten, preußischblauen Holzleiste gerahmt war. En face und en profil gleichzeitig, sozusagen als Brüderpaar, postiert der junge Venezianer in einem Garten am Canale Grande vor Gondeln, die sich im Hintergrund in weichem Frühlingslicht verlieren. Dieses Bild hat sich in meinem Kopf eingeprägt, da es frappant an die Geschichte Das venezianische Portrait des polnischen Autors Gustaw Herling-Grudziński erinnert. 1946 war er erstmals nach Venedig gereist und von einem englischen Sergeant der Quartierzuteilung im verfallenden Haus der Contessa Giuditta Terzan untergebracht worden, die ihr kümmerliches Gehalt als Restauratorin und Kopistin in der Akademie verdiente. Herling-Grudziński setzt seinen persönlich erlebten venezianischen Szenen über Begehren, Sohnesliebe, Mord und Kunstfälschung, die sich unmittelbar nach dem Kriegsende in der Calle San Barnaba zutrugen, ein Denkmal und dokumentiert seine Entdeckung des unter einem Tuch verborgenen Jünglingsportraits im Stile Lorenzo Lottos. „… eine einfache Geschichte, aber mit solcher Raffinesse verknüpft und mit einer solchen Eleganz erzählt, daß am Ende ein Edelstein funkelt“, schrieb Elke Heidenreich über dieses Werk 1996.

Abb. links: La statua della Madonna della Casa Frollo, Giudecca, Dezember 2019. Abb. rechts: l’ingresso principale della Casa Frollo, Giudecca, August 2020. Photographien: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin und Samuel Sackl-Kahr.

Momentan ist die Casa Frollo wieder geschlossen. Ihre Mutation zur Villa F. war nicht von Erfolg gekrönt. Stets zerstören neureiche Immobilisten, habsüchtige Investoren, närrische Hoteliers und ungebildete, machtgeile Politiker einen beträchtlichen Teil unseres historischen Erbes. Der Garten verwildert – die Rasenflächen stehen hoch und trocken im Nachtlicht. Der Haupteingang ist ohne Information versperrt. Die Luft am Kai ist für eine Spätsommernacht sehr klar. Im Zentrum des schwarzen, wolkenlosen Himmels prangt eine Mondhälfte, die den Wandaltar der Madonna an der Fondamenta-Zitelle-Fassade erleuchtet. Sie blickt mit ihrem schlafenden Jesuskind im Arm auf den Canale della Giudecca und wird dieser im Stil des 17. Jahrhunderts erbauten Villa der Grafen Volpi di Misurata hoffentlich weiter segensreich zur Seite stehen.

Abb. links: Postkarte Casa Frollo, 60er-Jahre, Abb. Mitte: La vecchia chiave della stanza del mio patrigno, 60er-Jahre. Abb. rechts: Eingansbereich in aktuellem Zustand, Giudecca, September 2020. Alle Reproduktionen, Objekte und Photographie: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Wie schrieb Roberto Bianchin in der La Republica in seinem Artikel Prima che Casa Frollo chiuda am 18. Februar 1988 so treffend, als die bezaubernde und unnachahmliche Signora Flora Soldan nach 30 Jahren auf Betreiben des Conte Giovanni Volpi di Misurata die Casa Frollo räumen mußte: „Sie ist wie ein Fenster, das sich bald schließen wird, es vertritt eine venezianische Lebensart, die erlischt. Man muß dort gewesen sein, um zu verstehen. In der Casa Frollo verbrachte ich, wie viele andere auch, intensive, einzigartige, unnachahmliche Tage. Und dieses Haus drang langsam und sanft in mein Herz…” (E’ come una finestra che si sta per chiudere, aggiunge un modo di vivere a Venezia che si spegne. Bisogna esserci stati per capire. A Casa Frollo, come molti altri del resto, ho trascorso giorni intensi, unici, inimitabili. E quella casa mi è entrata lentamente e dolcemente nel cuore…)

Über Dunkelheit und Licht – Casa dei Tre Oci | Ruth Landshoff-Yorck | Mario de Maria

Nach Mitternacht.

Die Kandelaber an der Station Zitelle sind abgeschaltet. Das nächste Vaporetto legt erst im Morgengrauen an. Um fünf Minuten nach vier Uhr früh. Casa Frollo, San-Giovanni-Kai und Fondamenta Zitelle sind in völlige Dunkelheit getaucht. Vor mir die Casa dei Tre Oci. Flackerndes Kerzenlicht in der Beletage? Lichtblitze in den drei Augen des Hauses? Der Klang mundgeblasener Champagnerschalen beim zaghaften Anstoßen? Laute und leise Stimmen – aufgebrachte Schreie dazwischen? Hie und da ein Toben, Deklamieren und Lamentieren? Von lautem Gesang unterbrochen? Im Hintergrund Klavierklänge? Der Schatten schemenhafter Tänzer auf seidenen Portieren? Schreie Liebender, die aus einem halbgeöffneten Fensterflügel dringen? Livrierte Diener mit Flambeau am Treppenaufgang? Eine venezianische Abendgesellschaft? Eine Soiree in einem venezianischen Palazzo, wie sie die deutsch-amerikanische Schauspielerin und Schriftstellerin Ruth Landshoff-Yorck in ihrem Roman Die Schatzsucher von Venedig beschreibt? Schicksalhafte Fügungen, die ein amerikanisches Geschwisterpaar mit ihrer nächtlichen Gästeschar durchlebt. Entthronte Könige, ein erfolgreicher Theaterregisseur, reiche und exaltierte Witwen, Revolutionäre aus Südamerika und verarmte italienische Aristokraten, die sich ein Stelldichein geben. Alle sind sie auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Heiligtum – ihrem Glücksgut. Das Abhandenkommen einer kostbaren Brosche, einem kunstvollen Band von Diamantrosen, das von Saphiren und Smaragden unterbrochen ist, löst eine überhastete nächtliche Suchaktion aus. Das kann sich doch heute Nacht in der Casa dei Tre Oci nicht abspielen! Anfang der 30er-Jahre spielt ja die Handlung des Romans. In einem anderen venezianischen Palazzo und nicht im Wohnhaus von Mario de Maria (Marius Pictor), dem Maler, Architekten und Photographen aus der Emilia Romagna. 1912 und 1913 entwarf er dieses außergewöhnliche Gebäude im neogotischen Stil, um seiner über alles geliebten Tochter Silvia ein Denkmal zu setzten. Sie verstarb früh – 1905. Die drei großen Spitzbogenfenster an der Fassade sollen die lebenden Familienmitglieder De Maria darstellen – Mario de Maria, Gattin Emilia und Sohn Astolfo. Das Doppelfenster darüber ist ein Symbol für die kleine Verstorbene. … Mentre Silvietta è rappresentata da una piccola bifora che li sovrasta romanticamente … wie die Venedigexpertin Laura Bumbalova so schön beschreibt.

Poscritto Numero Uno

Il pittore delle lune, wurde Mario de Maria von Gabriele D’Annunzio genannt, da er es mit der Komposition nächtlicher Landschaften zur Meisterschaft gebracht hat. Es ist für mich immer eine Freude, sein monumentales Werk Fine di un giorno d’estate in der Galleria Internazionale d’Arte Moderna Ca’ Pesaro zu betrachten. Veduten und Straßenszenen, in Dämmergrau getaucht, gehören zu den eindrucksvollsten Werken des Künstlers – Finsternis und Lichtschein, hinterleuchtete Durchgänge zwischen dunklen Palazzi, Fassaden im Nachtlicht, illuminierte urtümliche Baumstämme im Finstern. Wie in seinem Ölbild Il Mulino del Diavolo. Ein Maler, der Düsternis mit Mondlicht bestrahlt. Ein großes Vorbild für mich. Als Photograph im Dunkeln. Als nächtlicher Wanderer, der die Route zur letzten offenen Bar auf der Giudecca einschlägt.

Poscritto Numero Due

Bis in die späten 80er-Jahre logierten in der Casa dei Tre Oci internationale Künstler. Beispielsweise der Italiener Vittore Grubicy de Dragon, der nach Italien ausgewanderte armenische Maler Gregorio Sciltian, Friedensreich Hundertwasser, Pegeen Vail Guggenheim (Tochter von Peggy Guggenheim und Laurence Vail), Giorgio Morandi, der Avantgardist Lucio Fontana – durch seine Schnittbilder berühmt geworden – sowie Dario Fo (Theaterautor, Regisseur, Bühnenbildner, Komponist, Erzähler, Satiriker und Schauspieler). Der Architekt Renzo Piano wohnte hier zuletzt. Salvador Dalí, Jean Hélion, Ralph Rumney, Gregor von Rezzori und natürlich meine Großmutter Hertha Kahr machten ihre Aufwartung. 1970 drehte Enrico Maria Salerno einige Szenen seines Films Anonimo Veneziano (mit Florinda Bolkan und Tony Musante in den Hauptrollen) im Obergeschoß des Gebäudes. Nach einer längeren, sehr behutsamen Restaurierung durch die Fondazione di Venezia und der Wiedereröffnung im Jahre 2012 ist dieser Palazzo exclusiver Ausstellungsraum und Zentrum für Photographie. Workshops, Seminare, Konferenzen und wichtige monografische Ausstellungen internationaler Photographen – Elliott Erwitt, Sebastião Salgado, Berengo Gardin, René Burri, Helmuth Newton, David LaChapelle – vervollständigen das Spektrum des Hauses. Es beherbergt auch die Fotosammlung der Fondazione di Venezia sowie das Archivio Italo Zannier, das eine riesige Bibliothek sowie 2.000 Fotografien vom 19. Jahrhundert bis in die Neuzeit umfasst.

Poscritto Numero Tre

In der Bar Zitelle neben der Casa dei Tre Oci traf ich heute den kubanischen – seit vielen Jahrzehnten auf der Giudecca wohnenden – Künstler Domingo de la Cueva, der mir Anekdoten über meinen Stiefvater erzählt. Beide wohnten Anfang der 70er-Jahre Tür an Tür in der Casa Frollo. Er erinnert sich auch an viele niemals publizierte biographische Details über Mario de Maria und Gregorio Sciltian. Letzteren besuchte er oft in seinem Atelier auf der Giudecca. Domingo de la Cueva selbst ist nicht nur Creatore di gioielli, sondern auch Designer delikater Preziosen, die er mit seinem Freund Gianni Pappacena erstmals 1974 in den USA ausstellte. Als modèle exceptionnel präsentierte Paloma Picasso immer wieder gerne seine außergewöhnlichen Schmuckstücke.

Poscritto Numero Quattro

Liselotte Hohs, Giudecca 2020. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Eintrittskarte und Notizblock der XXXI Biennale di Venezia, 1962. Portrait Liselotte Hohs mit einer umseitigen Widmung von Paolo Monti … per amico e collega Hertha Kahr …, 1962. Objekte: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

In der Bar Zitelle trank ich am gleichen Tag auch mit Signora Liselotte Hohs (Animal Magnetism – Una nuova grande mostra della maggiore textile artist a Venezia – Sale Monumentali della Biblioteca Nazionale Marciana) einen Frühstückskaffee. Um einige Schwimmlängen zu absolvieren, war sie gerade zum Morgensport auf dem Weg von der Zitelle-Station ins Hotel Cipriani an der Fondamenta S. Giovanni. Die in Venedig lebende Malerin, selten in ihrer Wiener Villa anwesend oder bei ihrem Enkel zu Besuch in Graz, ist eine überaus charmante Dame, die gerne außergewöhnlichen, modernen Schmuck trägt. Ihr zauberhafter Garten inmitten von Dorsoduro, voller Statuen und Skulpturen, die sich zwischen mediterranen Pflanzen verstecken, ist berühmt. Trotz ihres leicht vorgerückten Alters ist in Signora Hohs’ Herzen bis heute das strahlende junge Mädchen mit spritzigem Geist präsent. Im vorigen Jahrhundert mit Gregorio Sciltian, Pegeen Vail Guggenheim und vielen anderen Künstlern eng befreundet, bündelt sie mittels ihrer Erinnerungen ein riesiges Archiv der untergegangenen venezianischen Kunstszene. An unser erstes Treffen kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Es war auf der Biennale 1962 und ich war genau zwei Jahre alt. Sie war der Star der Eröffnung und wurde vom italienischen Architekturphotographen Paolo Monti als l’angelo dell’arte inszeniert. Im selben Jahr fand auch ihre vielbeachtete Ausstellung in der Galleria Toninelli in Rom statt.

Mit meinem Sohn Samuel auf der Giudecca – Erinnerungen und Recherchen

Wir haben wie immer unser Zuhause nächst der Haltestelle Zitelle. Hier, auf der Giudecca, in der Casa Frollo, wohnte ich das erste Mal im September 1960, als ich sechs Wochen alt war. In der Folge kehrte ich 30 Jahre hier ein. Seit dieser Zeit hat sich leider viel verändert. Nicht nur der kleine Friseursalon zwischen Casa Frollo und Casa dei Tre Oci – Enrico Maria Salerno drehte hier 1970 seinen wunderbaren Film Anonimo Veneziano – existiert schon viele Jahrzehnten nicht mehr. Auch die romantische Pensione selbst (un piccolo e delizioso albergo veneziano), ein Zufluchtsort vieler Literaten, bildender und darstellender Künstler, wurde Ende der 80er-Jahre geschlossen. Selbst das Komitee zur Erhaltung der Casa Frollo unter dem Vorsitz des Mailänder Anwalts Giovanni Salvati konnte dies nicht verhindern. Dieses Kuratorium wurde von langjährigen Gästen aus Frankreich, England, Deutschland und den Vereinigten Staaten ins Leben gerufen, um den Palazzo zu erwerben und dessen unverändertes Weiterbestehen zu sichern. Auch die Tageszeitung La Repubblica engagierte sich für dieses Haus und widmete dem Thema Comitato di difesa Casa Frollo viele redaktionelle Beiträge (u. a.: Prima che Casa Frollo chiuda, 18 febbraio 1988). In den USA war das Interesse der Stammgäste besonders groß. Beispielweise erschien in der New York Times am 10. August 1986 der ausführliche Artikel There’s No Place Like a Pensione. Darin beschreibt die Journalistin das Haus folgendermaßen: The Casa Frollo is perhaps the most romantic of the Venetian pensioni, with its almost palpable ghosts of strait-laced chaperones and their charges poring over Baedekers in the straightbacked chairs or strolling in the large garden behind the pensione, faithfully following in Ruskin’s footsteps on their Grand Tour. Leider blieb jeglicher Einsatz unbelohnt. Nach einem Jahrzehnt des Stillstands gehört die Casa Frollo seit 2011 nun zur Bauer-Hotelgruppe und wird als Villa F. verkauft. Das erinnert sehr an den Namen eines einschlägigen Etablissements. Die Gestaltung des Interieurs würde dazu passen – eine Melange aus vulgärem Luxus und glanzlos-glamouröser Staffage. Der Preis für eine Übernachtung – senza colazione – bewegt sich im vierstelligen Eurobereich. Russische Oligarchen sind eventuell ein neues Klientel. Glücklicherweise konnte Nicolas Roeg 1972 noch einige Szenen seines Films Don’t Look Now mit Julie Christie und Donald Sutherland im Salon des damals noch unrenovierten Palazzo mit seiner dezent-vornehmen Ausstrahlung realisieren. Ich erinnere mich, daß mein Stiefvater das ganze Filmteam zu einem Umtrunk unweit des Drehortes einlud. In eine heute nicht mehr existierende Osteria, die sich an der Ecke des Hauses Fondamenta Croce und Rio della Croce befand und eine kleine, im Seitenkanal schwimmende Terrasse hatte.

Mein Stiefvater, Dr. Alfred Fontano von Zwentendorf, doziert 1978 auf Burano über Hemingways Saufgelage in Venedig. Seine Erstausgabe von Across the River and into the Trees, deren Umschlagbild von Adriana Ivancich gezeichnet wurde. Darauf ein “Dunhill Art Deco Gold Lighter“, sein Lieblingsfeuerzeug, das meine Großmutter in den 60er-Jahren gebraucht bei einem Juwelier in der Calle Fondaco dei Tedeschi erworben hat. Sechsjährig stehe ich 1966 vor der Casa Frollo. Jonny ohne Filter – diese Zigarettenpackung meines Stiefvaters habe ich nie weggeraucht. Sie liegt stets ungeöffnet vor meinen Hemingway-Ausgaben. Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Alfred Fontano von Zwentendorf.

Wir sitzen zusammen im Rosengarten, wo mein Stiefvater mit mir jeden Sommer saß und Unmengen seiner Lieblingszigarettensorte Jonny ohne Filter rauchte. Drohten sie auszugehen, wurde Herr Gadjia, ein braungebrannter, vornehmer Herrenfahrer, stets in Maßblazer und mit englischer Clubkrawatte, im Café Columbia in Graz angerufen. Mit seinem beeindruckenden, weißwandbereiften Opel Diplomat V8 brachte er dann Nachschub – einige Stangen Zigaretten und die aktuelle Ausgabe der Wochenpresse – vom Grazer Bismarckplatz zur Piazzale Roma nach Venedig. In den 60er-Jahren lebte noch die Hausbesitzerin, eine Dame der venezianischen Aristokratie. Persönlich kontrollierte sie täglich die Zubereitung der Speisefolgen in ihrer imposanten Küche, die mit historischem, gußeisernen Kochgeschirr drapiert war. Und auch Signore Aldo Soto lebte noch – genoß das Sonnenlicht sommers wie winters in seinem Savonarolastuhl, eingehüllt in dicke Wolldecken. Ein pensionierter Offizier, der unter den Königen Umberto I. und Viktor Emanuel III. gedient hatte. Sein Cousin Hugo de Soto, ein kubanisch-amerikanischer Künstler, in den 60er-Jahren einige Jahre im Dachgeschoß der Casa Frollo wohnhaft, fertigte wundervolle Federzeichnungen von der Giudecca an – beispielweise besonders feine Interieuransichten des Salons mit dem Canale della Giudecca und San Marco im Hintergrund. Viele amerikanische Künstlergäste nahmen diese Werke als Erinnerung in die Staaten mit. Es war das Jahrzehnt nach Hemingways letztem Besuch, dem Zusammentreffen mit seiner überirdisch schönen Muse Adriana Ivancich und der Publikation des aus dieser Begegnung enstandenen Romans Across the River and into the Trees.

Abb. von links nach rechts: 1970 – Film Still aus Enrico Maria Salernos Film Anonimo Veneziano – im Hintergrund die Casa dei Tre Oci und rechts daneben die Casa Frollo. Unvergesslich die Melodien des Filmkomponisten Stelvio Cipriani. Mein Stiefvater 1976 vor der Casa Frollo. Eine Federzeichnung des Hauses von Hugo de Soto aus dem Jahr 1966. Das Originalplakat zu Nicolas Roegs Film “Don’t Look Now“, im deutschsprachigen Raum unter dem Titel “Wenn die Gondeln Trauer tragen“ bekannt. Einige Szenen dieser Produktion spielen in der Casa Frollo. Die wunderschön gestaltete Website The LondoNerD mit einem Beitrag über den Film und die Casa Frollo. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Landvenedig

Spaziergänge auf der Insel San Francesco nel Deserto. Auf Torcello. Auf San Lazzaro. Im Mechitaristenkloster die Bibliothek der Handschriften in Armenisch und Griechisch. Das Konsultationsbuch mit der Besuchereintragung Lord Byrons. Im Empfangszimmer das Gemälde des Kaisers von Österreich neben dem Portrait des türkischen Sultans. Die Brücken der orientalischen und der abendländischen Kultur sind hier offensichtlich. Bildnerisch, architektonisch und im historischen Sinne sprichwörtlich. Gläsernes Murano. Mond- und Straßenlampen beleuchten Weinpokale und Becher. Nächtliche Photographien von Vasen und Kelchen, deren reflektiertes Licht an den Schein geschliffener Edelsteine erinnert. … als wenn es mit Diamanten unter den weissen geschlängten Streiffen versetzet … schrieb Adam Ebert in seiner italienischen Reisebeschreibung unter dem Pseudonym Aulus Apronius 1724.

Stadtvenedig: Kerzenbeleuchtete Wandaltäre in einsamen Gassen – Landvenedig: Blitzende Glasobjekte im nächtlichen Murano. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Stadtvenedig

Die Mauern der Universität Ca’ Foscari breiten Abendschattenstreifen im letzten Kanalsonnenlicht aus. Die Stadt schwärzt sich. Kerzen im Gotteswinkel tauchen den Madonnenleib, vom rostigen Gitterbogen beschützt, in flackerndes Licht. Das Antlitz des Jesuskindes ist hinter welken Rosen verborgen. Fischgeruch und Brackwasserdunst sind das Parfum der Theaterbühne, das sich durch die engen Gassen der Nacht seinen Weg bahnt. Am Ende einer Spätmesse mischt sich darüber hinaus eine leise Spur von Weihrauch zu diesem olfaktorischen Ornament. Eine himmlische Szenerie der Hölle. Oder die höllische Szenerie des Himmels? Deo gratias ist Venedig die Stadt der Trinker. Gegen den nächtlichen Durst und als Labung gibt es Wein – ombra – und viele Sorten Grappe im Übermaß. Den atemberaubend eleganten Cleopatra Moscato Oro muß ich besonders hervorheben. Zwischen dem Durchreisen zweifelhafter Kaschemmen in Santa Croce und letztklassiger Touristenfallen um San Marco ist es notwendig, den Besuch gepflegterer Etablissements ins Auge zu fassen. Der Genuß eines Buona notte Amigos in der Cipriani Bar, von Maestro Bolzonella persönlich gemixt, ist so unvergesslich, wie eine gelungene Fenice-Premiere. Als Erfrischung bietet sich zwischendurch auch ein Sgroppino an der Bar Longhi des Hotel Gritti an. Oder der unübertroffene Venetian Cobler in der Arts Bar des The St. Regis Venice, der nachweislich gegen flügelschlagende venetianische Löwen hilft. Sie umkreisen nämlich gerne in vampiristischer Manier meinen Kopf, wenn die Nacht im Sterben liegt. Mein Stiefvater hat mir dagegen schon früh sein Geheimnis verraten: Bei Barbesuchen empfiehlt es sich, immer drei gleiche Drinks hintereinander zu bestellen. So vermeidet man das unselige Cocktail-Potpourri und gedenkt gleichzeitig der letzten drei Besuche Ernest Hemingways in Venedig 1948, 1950 und 1954. Erst sehr spät sollte der letzte trockene Martini folgen. Im Morgengrauen. Dann fliegt ein Doppeldecker über die Insel San Michele. Igor Strawinsky, Ezra Pound und Sergei Pawlowitsch Djagilew erweisen dem Piloten als erste Sonnenstrahlen des Morgens ihre Hochachtung.

Abb. links: Papa Ernest Hemingway in Harry’s Bar – eine Photographie mit Widmung an meinen Stiefvater. Mitte: Aus meiner photographischen Serie “Venice Night“: … Im Morgengrauen. Dann fliegt ein Doppeldecker über die Insel San Michele … Abb. rechts: Le Giornate in Villa Ivancich – Erinnerung an eine wundervolle Veranstaltung in der Villa Ivancich in San Michele al Tagliamento im Jahre 2017 über die Freundschaft zwischen Ernest Heminway und Conte Gianfranco Ivanchich. Es moderierte Roberto Vitale, Präsident des “Premio Giornalistico Papa Ernest Hemingway“ aus Caorle. Gäste waren Richard Owen, Schriftsteller und Journalist der Times, Rosella Mamoli Zorzi, Amerikanistin und Professorin an der Università Ca’ Foscari in Venedig sowie der Militärhistoriker Massimiliano Galasso und natürlich die Tochter von Conte Ivancich, Irina Ivancich Biaggini. Reproduktionen: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Meine vermutlich erste Erinnerung an die Photographie

Ein sehr entfernter, gedämpfter und beruhigender Lichteinfall durch das Glasdach des Ateliers meiner Großmutter in Triest, wahrgenommen im Kinderwagen. Sie benutzte gern das Tageslicht und formte es mit einem System aus über- und nebeneinander verschiebbaren Leinenvorhängen.

Also ein klassisches Fotoatelier der alten Zeit, dessen Oberlicht vermutlich meine ersten Wahrnehmungen und die daraus folgenden Tagträume bestimmte. Zu diesem Diarium des Erinnerns gesellten sich Geräusche aus ihrem Fotolabor sowie das Pfeifen der Bialettimaschine – einer alten Moka Express -, stets gefolgt vom sich sich ausbreitenden Duft frischen Kaffees.

Später, in meiner Volksschulzeit, durfte ich in Großmutters geheimem Reich, meinem Kindheitsparadies, uneingeschränkt schalten und walten. Da gab es Magazine mit ausran

gierten, teilweise reparaturbedürftigen Atelierkameras samt hölzernen Rollstativen des Urgroßvaters aus Berlin. Er wanderte wegen der klimatischen Bedingungen Ende des 18. Jahrhunderts nach Triest aus und brachte viele Geräte mit, die meine Großmutter teilweise in den 1960er-Jahren noch benutzte. In ihrer Sammlung befanden sich Objektivstandarten, Objektive, Negativkassetten, ausrangierte Balgen und wunderbar gestaltete Sperrholzschachteln, in denen zur Jahrhundertwende Albuminpapier verschickt wurde. Alles spannender und großartiger Ersatz für Spielzeug, das mich wenig interessierte: langweilige Eisenbahnmodelle, Spielautos, Legobaukästen und nutzloses Holzspielzeug. Außerdem entdeckte ich die schönsten Theaterrequisiten. Unzählige eingerollte, schon teilweise von Motten angeknabberte Landschaftshintergründe, grisaillebemalte Textilstoffe, auf denen feudale Interieurs oder arkadische Landschaften abgebildet waren, um den im Atelier gefertigten Portraits im Hintergrund eine Andeutung von Exklusivität, herrschaftlicher Privatheit oder entspannter Atmosphäre zu verschaffen.

Abb.: Aus meiner Kinderspielzeugsammlung: Trockenplattenboxen von Gevaert, Erneman, Au Bon Marché (Aristide Boucicauts hauseigene Pariser Marke), Isopan-Rollfilmdosen und Filterboxen. Abb. in der Mitte: Großmutters Fiat Musone 1100 vor der alten Wohnung, Piazza Sant’Antonio Nuovo, Trieste 1951. Abb.: © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste/Robert W. Sackl-Kahr Sagostin..

Meine Großmutter erklärte mir früh die Grundlagen der Photographie. Gemeinsam experimentierten wir mit Kollodiumplatten, einer Technik der Frühzeit. Zur Herstellung von Nassplatten benutze ich viel später, Anfang der 80er-Jahre, gerne schon verwendete Gläser, die ich partiell abgeschabt, mit Lösungen von Kollodiumwolle, Iod- und Bromsalzen in Ethanol und Äther übergoss, um sie nach Trocknung und einer Behandlung mit Silbernitrat neuerlich zu verwenden.

Dieser Rausch aus Kreativität und nicht enden wollendem Einfallsreichtum, den meine Großmutter nicht nur in der Photographie, sondern auch im Alltag lebte – seien es Entwürfe für neue Kleider, Bleistiftskizzen und Aquarelle für Schmuck- und Gebrauchsgegenstände – bestimmten meine Kindheit bis zum Beginn eines achtjährigen Martyriums, das einen Teil meines Lebens nutzlos und nachhaltig vernichten sollte: meiner Mittelschulzeit in Graz. Und auch diese herrliche, gleichzeitig verrückte Bora ging mir in dieser Stadt ohne Meer entsetzlich ab. Gott sei Dank konnte ich mich schon in der Unterstufe heimlich aus dem katholischen Internat durch einen Hinterausgang des Sportplatzes davonstehlen und wichtige Termine wahrnehmen. Nämlich Besuche bei meiner Großtante Clara, die ein herrlich antiquiertes Fotoatelier neben der Kirche hinter dem Mariahilferplatz betrieb, samt verwildertem Garten, Musikpavillon und Igelhaus. Von ihr wurde ich stets mit frischgebackenen Kokosbusserln, Mandelkeksen und Husarengebäck aus sehr rumhaltigem Teig verwöhnt, von dem sich auch ihre alte, überaus beleibte Schäferhündin Asta zu ernähren schien. Auf ihrem Wohnzimmertisch zwischen Teigkrümeln, mit selbstangesetzten Liqueuren gefüllte Glasflacons, Kaffee- und Kakaotassen versuchten meine Großtante und ich stets eine wachsende Ansammlung von ausgearbeiteten Fotoabzügen zu ordnen und mit einem Büttenmesser zu beschneiden. Mindestens einen halben Meter hoch war dieser Bilderberg, und die Kunden meiner Großtante verzweifelten immer wieder ob der langen Lieferzeiten. Besonders über einen Auftrag von Hochzeitsbildern, die meine Großtante in Marburg in der Untersteiermark anfertigte, amusierten wir uns königlich. Die Bilder tauchten erst nach einem Jahr auf – das Ehepaar war gerade frisch geschieden.

Das Leben in der Stadt der Bora. Die Tochter des Gottes der Winde wird in Segna geboren, herrscht in Fiume und stirbt in Triest. Abb. links: La Bora di Trieste – Passeggio S. Andrea. Abb. Mitte: Die Seile der Stadtverwaltung sind legendär. An ihnen konnte man sich festhalten oder angurten, wenn es die Bora allzu stark trieb. Abb. rechts: Tuschzeichnung „Benedetta la Bora de Trieste / che alle belle ragazze alza la veste“ aus dem alten Caffè Stella Polare, das während der angloamerikanischen Besetzung in einen Tanzsaal umgebaut wurde, in dem amerikanischen Soldaten Bekanntschaft mit Schönheiten aus Triest schließen konnten. Abb.: © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste.

Besuche bei meinem Großonkel Benno, der sein Atelier am Karmeliterplatz direkt am Schloßbergaufgang betrieb. Er erzählte von seinem Bruder Uto, der in Addis Abeba Privatsekretär des letzten Kaisers von Abessinien, S. M. Haile Selassie, war. Und über die Reisen auf seiner Puch, die ihn in den zwanziger Jahren am Landweg bis nach Peking geführt hatte. Die einzigen Gepäcksstücke – sein ganzer Stolz – eine Schraubleica, sowie Stativ, Zahnbürste und englisches Bienenwachs zum Polieren der Motorradstiefel. Von ihm lernte ich viel über Lichtsetzung in der Portraitphotographie sowie den Umgang mit Lasurfarben bei der Pinselretusche.

Abb. links: Uto Kahr, Privatsekretär S. M. Kaiser Haile Selassie in Addis Abeba. Ein Replikat seines Ordens trug er in Europa stets als Krawattennadel. Seinen goldenen Bleistift am Revers – ein Geschenk des Kaisers – trage ich seit vielen Jahren (siehe das Foto in der Rubrik ÜBER MICH). Abb. Mitte: Der Orden vom Siegel Salomons (durch Kaiser Yohannes IV. von Abessinien im Jahr 1874 als Verdienstorden gestiftet). Abb. rechts: S. M. Haile Selassie, Kaiser von Äthiopien, Neguse Negest (König der Könige), 225. Nachfolger des Königs Salomon. Abb.: © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste.

Er war ein Meister seines Fachs und beherrschte auch die Nachbearbeitung von Schwarz-Weiß-Negativen und Glasplatten. Stundenlang beobachtete ich ihn, wie er auf den Schichtseiten durch feine Schraffierungen Schatten und kleine Fältchen aufhellte.

Nach unrühmlichen Auftritten war meine Laufbahn im Marieninstitut am Ende der Unterstufe beendet. Die zwangsweise Dislozierung ins musisch-pädagogische Gymnasiums am Hasnerplatz machte die nächsten Jahre bis zur Matura etwas erträglicher. Meine Mutter, die keine große musische Veranlagung hatte, kommentierte:

Die 70er-Jahre: Abb. links: Dr. Alfred Fontano von Zwentendorf mit den Swing Brothers beim Internationalen Jazzfestival in Montreux, 1970. Abb. rechts: Neben Triest existierten bis 1976 Ateliers am Tivoli in Ljubljana und im Bezirk Geidorf in Graz. Abb.: © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste.

„Du hast mein Leben zerstört!” Meine Großmutter meinte dazu sehr amusiert: „Bravo caro bambino – tu sei in libertà.”

Zwecks Durchführung von Bildaufträgen für eine Tageszeitung, Vorbereitung kleinerer Ausstellungen von eigenen Graphiken und Photographien sowie künstlerischer Séancen auch unter Einwirkung verschiedenster phantastischer Substanzen, besuchte ich den Unterricht selten. Meinen Vater Yuliy Vladimir Baron von Sagostin konnte das nicht beunruhigen. Als Schloßherr, nächst Kronstadt, verkrochen in seinem transsylvanischen Anwesen und nur einmal monatlich als Leibarzt von höchsten Funktionären der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken tätig, pilotierte er eine seiner zahlreichen Maschinen zwischen Moskau und Bukarest. Wenn er nicht gerade mit Ana Aslan im Casino von Constanța speiste oder neue Procainpräparate ausprobierte. Ich sah ihn sehr selten. In meinem Leben vielleicht dreimal. Öfters sah ich meinen Stiefvater, den Chemiker, Philosophen, Opern-, Jazz- und Venedigenthusiasten Alfred Fontano Ritter von Zwentendorf, der bei Amadeo Graf Silva-Tarouca am philosophischen Institut in Graz promovieren durfte – zusammen mit seinem Studienfreund Rudolf Haller. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die zu einem späteren Anlass genauer erwähnt werden muß.

Abb. links: Vlad III. Drăculea, Abb. Mitte: Dr. Yuliy Vladimir Baron von Sagostin, Abb. rechts: Григорий Ефимович РаспутинGrigori Jefimowitsch Rasputin. © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste. Neben seinen medizinischen und photographischen Tätigkeiten forschte mein Vater in rumänischen und russischen Archiven nach Dokumenten und Aufzeichnungen über den walachischen Fürsten Draculea (Vlad Țepeș) – sozusagen sein transsylvanischer Schloßnachbar – sowie über den Geistheiler Grigori Jefimowitsch Rasputin, dem er als Kind in St. Petersburg bei einem Tee-Empfang der Romanows persönlich begegnet war. Rasputin war meinem Vater aufgrund der erfolgreichen paranormalen Heilungungsmethoden und der krankheitslindernden Wirkung seiner übernatürlichen Kräfte zeitlebens ein Vorbild als Mediziner.

Und auch noch eine weitere Geschichte, jene von der Kindheit meiner Großmutter in Triest, wird zu erzählen sein.

Von James Joyce, der im Nebenhaus wohnte und sie öfters nach der Schule auf eine heiße Schokolade in die Pasticceria Pirona einlud, wo er gerne seine Texte überarbeitete. Gerade diese Erinnerungen, ihre An­ek­do­ten über das einzigartige Flair des habsburgischen Triest und die literarische Szene in dieser österreichisch-slawisch-italienisch geprägten Stadt am Meer, ihre Erzählungen über Italo Svevo, Lina Galli, Umberto Saba, Scipio Slataper, Giani Stuparich, Roberto Bazlen, Boris Pahor, Alma Morpurgo und viele andere Autorinnen und Autoren haben meine graphischen und photographischen Tätigkeiten maßgeblich beeinflusst. Nicht zu vergessen der österreichische Geheimdiplomat, Journalist, Publizist und Statistiker Chevalier Louis Antoine Debrauz de Saldapenna, der 1811 in Triest geboren, lange Zeit in Paris lebte.

Und verschiedenste Erzählungen über Kaffeehäuser wie Caffè San Marco, Tommaseo, Stella Polare, Caffè degli Specchi, Tergesteo, Torinese, Urbanis, Pirona, Torinese und Penso gilt es auch zu notieren…

Im Caffè San Marco, Via Cesare Battisti, Triest 2018. Lieblingsort u. a. von Italo Svevo, James Joyce, Umberto Saba, Giani Stuparich, Giorgio Voghera, Fulvio Tomizza, Scipio Slataper und Claudio Magris. Letzterer startete 2013 mit Stammgästen eine erfolgreiche Kampagne gegen die Schließung des Cafés. Seitdem ist im linken Flügel des Etablissements eine Buchhandlung untergebracht. Sozusagen ein literarischer Fluß, der sich zwischen literarischen Stränden – gegenüberliegenden Reihen von Marmortischen – mäanderartig seinen Weg bahnt. Besonders zwei Schriftsteller haben diesem Café ein poetisches Denkmal in Form außerordentlicher Zuneigung errichtet: Stelio Vinci (Al Caffè San Marco. Storia Arte e Lettere di un Caffè Triestino, Edizioni Lint, Trieste, 1995 und Caffè San Marco. Un secolo di storia e cultura a Trieste 1914-2014, Comunicarte, Trieste 2014.) und Claudio Magris (Die Welt en gros und en Détail, Kapitel Café San Marco, Carl Hanser Verlag, München/Wien, 1999). Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

…und Erinnerungen an hunderte Spaziergänge im Schloßpark von Miramare. Die feierliche Stimmung, die immer am 18. August spürbar war…

Ein Sommerabend im Schloßpark von Miramare, Triest 1982. Auf dem Weg von der Marina Protetta zum Laghetto delle ninfee. Ein Testbild mit der Sinar meiner Großmutter. Um Plattenwechsel zu vermeiden, der Einfachheit halber mit eingeschobener 220er-Rollfilmkassette fotografiert. Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

…und von Gustav Ritter von Kahr…

…Jurist und Politiker, der 1862 in Weißenburg geboren wurde und von März 1920 bis September 1921 als bayerischer Ministerpräsident und Außenminister amtierte. Dr. Gustav von Kahr wurde nach dem sogenannten Röhm-Putsch im Juni 1934 im KZ Dachau ermordet. Der Schriftsteller Thomas Mann notierte darüber am 6. Juli 1934 in sein Tagebuch: Am kennzeichnendsten vielleicht die scheußliche Ermordung des alten Kahr in München, die einen politisch völlig unnötigen Racheakt für Verjährtes darstellt. Es zeigt sich da, was für ein Kujon dieser Mensch [Hitler] ist, den viele für besser als seine Bande halten, was für ein Vieh mit seinen Hysterikerpfoten, die er für Künstlerhände hält (Thomas Mann, Tagebücher 1933-1934; Hrsg. v. Peter de Mendelsohn; S. Fischer Verlag, 1977).


Abb. von links nach rechts: Dr. Gustav von Kahr als Regierungspräsident von Oberbayern im Jahre 1922 (Foto Wilhelm Kahr); Silberne Ta­ba­ti­e­re mit der Abbildung eines Schauguldiners von 1507 (Wappen der Herzöge in Bayern); Gustav von Kahr im Arbeitszimmer der Präsidentschaftskanzlei 1920; Das Wappen des Königreichs Bayern (bis 1918); Thomas Mann, Tagebücher 1933-1934; Ein Geschenk zur Ernennung zum bayerischen Ministerpräsidenten – die silberne Zigarettendose aus dem Jahre 1920 mit dem Wappen der Weimarer Republik (1919-1933). Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin (Sammlung Hertha Kahr, Trieste)

…und letztlich auch von Alois Kahr…

Hofrat Dr. Alois Kahr war multilingual. Er beherrschte 16 Sprachen in Wort und Schrift. Zusätzlich viele russische, tschechische und ungarische Regiolekte. Als Dechiffrier-Spezialist half ihm seine außerordentliche mathematische Begabung. So konnte er sogar im Kopf polyalphabetische Übertragungen durchführen, ohne auf die Hilfe von Rotor-Schlüssel-Maschinen angewiesen zu sein. Spezialisiert hatte er sich auf die Verschlüsselungsmethode der Fialka-Modelle – sozusagen eine Weiterentwicklung der Enigma – die mit 10 Rotoren arbeiteten. Er beschäftigte sich aber nicht nur mit Kryptologie, sondern war auch als Kulturattaché in Moskau, Bukarest, Prag und Ostberlin tätig. Von ihm werde ich in meinem Blog noch erzählen. Seine Zeit, die er im Ostblock während des Kalten Krieges verbrachte, war spannender als viele Romane und Filme, die abwehrdienstliche Handlungen zum Inhalt haben. Einer geheimdienstlichen Intrige zum Opfer gefallen, erlebte er nicht mehr den Austausch gegen einen in Moskau in der Lubjanka einsitzenden US-Beamten und starb 1970 in der Krankenabteilung der Strafanstalt Stein in Österreich.

Abb. links: mechanische Taschenuhr von Exacta-Vostok aus den UdSSR. Abb. Mitte: 1-Rubel Münze zum 100. Geburtstag von Wladimir Iljitsch Lenin. Darunter: Schlüsselscheiben einer Fialka M125-3MN. Foto: Paul Hudson (Lizenz). Die Fialka war eine sowjetische Chiffriermaschine mittels Schlüsselscheiben, die in zahlreichen Ländern des Warschauer Pakts eingesetzt wurde. In der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Fialka M-125MN ab dem Jahr 1968 verwendet. Das Folgemodell, die Fialka M-125-3MN folgte 1978. rechts: Medaille als Bronzeteller zum 100 Geburtstag von Wladimir Iljitsch Lenin aus der DDR (Sonderauflage für die SED-Betriebsparteiorganisation im MfS). Abb. außer Fialka-Foto: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.
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