Casa Frollo – Erinnerungen und Aktuelles

Abb. von links nach rechts:  André Masson „Dormeuse à la Casa Frollo, 1962. Photographie: Alfred Fontano von Zwentendorf, 1962. Ausstellungskatalog Domingo de la Cueva, Venezia 1974. L’Illusione Di Sciltian – Inganni Pittorici Alla Prova Della Modernità, Ausstellunskatalog, herausgegeben von Stefano Sbarbaro, Edizioni Polistampa, Firenze 2015 (The catalogue of a great retrospective exhibition staged in Florence, at Villa Bardini, from 3 rd April to 6th September 2015, covers the entire artistic life of Gregorio Sciltian, which develops over a period of more than sixty years. The book reproduces oil paintings, drawings and graphic works from major national museums such as Uffizi Gallery in Florence, National Gallery of Modern Art in Rome, Gallery of Modern and Contemporary Art in Bergamo and Pinacoteca Vaticana, as well as paintings from the artist’s personal collection now housed at Vittoriale of Gardone Riviera (Brescia) and other private funds. The volume also includes a selection of works by other authors selected on the basis of stylistic and inspirational affinity or contrast: in addition to Pietro Annigoni and other members of the group of Modern Realist Painters, there are paintings by artists such as Giorgio de Chirico, Carlo Socrates, Renato Guttuso, Aligi Sassu). Kataloge und Reproduktionen: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Auf der Giudecca glichen die Jahre 1961 und 1962 einem Füllhorn voll von ästhetischer Unruhe und kreativem Geist. Es ergoß sich in Form unzählbarer, stilistisch verschiedenster und einzigartiger bildnerischer Schöpfungen über die ganze Welt. Das Gros künstlerischer Aktivität schien sich in der Casa Frollo und benachbart in der Casa dei Tre Oci zeitgleich abzuspielen. Gregorio Sciltian entwarf eine Serie von großdimensionierten dipinti religiosi, u. a. sein Hauptbild Il Bettesimo di Gesu für die Basilica romano del Sacro Cuore Immacolato di Maria. André Masson, der französische Maler, Graphiker und Bildhauer, logierte im ersten Stock der Casa Frollo und brachte seine privaten Eindrücke auf der Giudecca mit Bleistift und Kreide zu Papier. In ihrer Erotik und zeichnerischen Genialität sind sie fast mit seinen frühen Radierarbeiten für Louis Aragons Werk Le Con d’Irène (Irènes Möse) vergleichbar. Der Kubaner Domingo de la Cueva entwarf eine Etage darüber erste futuristische Schmuckkollektionen, die er Jahre später mit seinem Freund Gianni Pappacena in New York präsentierte.

Abb. von links nach rechts:  50- und 100-Liremünzen aus dem Jahr 1956 – sie weisen auf das Erscheinungsdatum des Werkes For a King’s Love hin. Karte vom Hotel Minerva in Firenze an Mrs. Forman in der Casa Frollo. Mit einer abgestempelten 10-Centesimi-Marke, Venezia 1913 (Die rote 10-Centesimi-Marke – Ersterscheinung 1906 – wurde in Italien oftmals falsifiziert verkauft. Nach der Auflage von 1918 folgte die Version aus dem Jahre 1919, die als „Mailänder Fälschung“ zu einem gesuchten philatelistischen Objekt avancierte. Alexandra von Griechenland, London 1943. Ab 1944 die Ehefrau von König Peter II. war sie für ein Jahr Königin von Jugoslawien im Exil. For a King’s Love: The Intimate Recollections of Queen Alexandra of Yugoslavia, Odhams Press Limited, Long Acre, London 1956 (Erstausgabe). Alexandra von Griechenland schrieb diese Memoiren im Giardino Eden auf der Giudecca. Alle Reproduktionen und Objekte: © Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Zeitgleich hatte Friedensreich Hundertwasser mit seiner Retrospektive bei der XXXI. Biennale 1962 großen Erfolg. Wohnhaft auf der Giudecca, verliebte er sich sofort in den historischen Giardino Eden unweit der Casa Frollo. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieser Garten vom Engländer Frederik Eden und seiner Frau Caroline aus einer ursprünglich landwirtschaftlich genutzten Fläche erschaffen. Marcel Proust, Rainer Maria Rilke, George Bernard Shaw, Gabriele D’Annunzio, Ernest Hemingway, Jean Cocteau und Eleonora Duse besuchten dieses Areal immer wieder, das im 16. Jahrhundert erstmals von Mönchen genutzt wurde. Nach Caroline Edens Tod im Jahr 1928 kaufte Prinzessin Aspasia von Griechenland das Anwesen. Ihre Tochter Alexandra von Griechenland, die mit Peter II. Karađorđević, dem ins Exil verbannten König von Jugoslawien, verheiratet war, schrieb in diesem Garten ihre Memoiren For a King’s Love (The Intimate Recollections of Queen Alexandra of Yugoslavia). 1979 erwarb Hundertwasser über seine Schweizer Firma Namida AG dieses Anwesen – den fast 15.000 Quadratmeter großen Garten samt dem Palazzo Villa delle Rose an der Fondamenta della Croce. Zu seinen Lebzeiten war die Immobilie im Besitz der Grüner Janura AG – einer weiteren Aktiengesellschaft Hundertwassers in der Schweiz. Leider ist dieses Paradies versperrt und nicht besuchbar. In den Versen John Miltons Paradise Lost lebt das Grundstück mit den hohen Bäumen und den blumenbewachsenen Wiesen aber für immer weiter: Thus was this place / A happy rural seat of various view: / Groves whose rich trees wept odorous gums and balm; / Others whose fruit burnished with golden rind / Hung amiable.

Abb. von links nach rechts: Hella von Königsbrun, Konzertgeigerin und Aquarellistin. Der großen Salon der Casa Frollo mit dem Ausblick auf Santa Maria della Salute.Federzeichnung von Hugo de Soto aus dem Jahr 1962. Johann Wolfgang von Schaukal (1900-1981), Maler, Volksbildner, Theaterzeichner in Berlin (1931), Privatassistent von Herbert Boeckl an der Akademie der bildenden Künste in Wien (1937-1938), Professor für künstlerische Gestaltung an der Technischen Hochschule Graz (1964-1969). Photographien: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Objekte: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

In anderen Räumen der Casa Frollo wohnte mein Stiefvater, der 1962 seinen Freund Wolfgang von Schaukal – Maler, Volksbildner und Inhaber eines Lehrauftrags für künstlerische Gestaltung an der Technischen Hochschule Graz – mitgebracht hatte. Ihre analytischen Diskussionen über das Werk des Malervaters, des Jugendstilautors Richard von Schaukal, und über Anton Kolig waren unerschöpflich und endeten meist in ausgedehnten Reisen, die durch arkadische Landschaften des hochprozentigen Alkohols führten.

Eine Etage darüber arbeitete der kubanisch-amerikanische Künstler Hugo de Soto an feinen Federzeichnungen von venezianischen Palazzi und deren Gärten. Durch seine persönliche Interpretation des Schattens in der Architekturzeichnung, nämlich den Tiefen durch Weglassungen Form zu geben oder dunkle Bereiche durch Aussparung anzudeuten, erzielte er besonders eindrucksvolle Bildkompositionen. Die Konzertgeigerin und Malerin Hella von Königsbrun – Enkelin des steirischen Malers, Ceylonreisenden und Professors an der Landschaftlichen Zeichenakademie in Graz, Hermann von Königsbrun (1823-1907) – logierte 1961 im Kleinen Salon und arbeitete an aquarellierten Skizzen des Gemüsegartens.

Abb. von links nach rechts: Lorenzo Lotto – Portraits, Ausstellungskatalog von Enrico Maria dal Pozzolo, Museo Nacional del Prado, 2018. Ein goldenes Meisterstück des Creatore di gioielli, Domingo de la Cueva. Gustaw Herling-Grudziński, Das venezianische Porträt, 1995 unter dem Titel Le portrait vénitien et autres récits in der Collection L’Arpenteur (Gallimard) in Paris und 1996 in deutscher Übersetzung im Verlag Hanser erschienen. Gregorio Sciltian – 30 trompe-l’œil, Coverentwurf, Hoepli Editore, Milano 1980. Alle Reproduktionen und Objekte (außer der Broche von Domingo de la Cueva): © Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Gemälde und Zeichnungen waren in der Casa Frollo allgegenwärtig. In meiner Erinnerung ist ein Ölbild aus den 50er-Jahren niemals verblaßt, stilistisch der italienischen Hochrenaissance nachempfunden. Es hatte in meinen Kindertagen seinen Platz beim Stiegenaufgang, der im Eingangsbereich in den großen Salon der ersten Etage führte. Es stellte das Doppelportrait eines aristokratisch anmutenden Knaben mit mädchenhaften Zügen dar, das mit einer aufwendig in zopfartiger Form geschnitzten, partiell vergoldeten, preußischblauen Holzleiste gerahmt war. En face und en profil gleichzeitig, sozusagen als Brüderpaar, postiert der junge Venezianer in einem Garten am Canale Grande vor Gondeln, die sich im Hintergrund in weichem Frühlingslicht verlieren. Dieses Bild hat sich in meinem Kopf eingeprägt, da es frappant an die Geschichte Das venezianische Portrait des polnischen Autors Gustaw Herling-Grudziński erinnert. 1946 war er erstmals nach Venedig gereist und von einem englischen Sergeant der Quartierzuteilung im verfallenden Haus der Contessa Giuditta Terzan untergebracht worden, die ihr kümmerliches Gehalt als Restauratorin und Kopistin in der Akademie verdiente. Herling-Grudziński setzt seinen persönlich erlebten venezianischen Szenen über Begehren, Sohnesliebe, Mord und Kunstfälschung, die sich unmittelbar nach dem Kriegsende in der Calle San Barnaba zutrugen, ein Denkmal und dokumentiert seine Entdeckung des unter einem Tuch verborgenen Jünglingsportraits im Stile Lorenzo Lottos. „… eine einfache Geschichte, aber mit solcher Raffinesse verknüpft und mit einer solchen Eleganz erzählt, daß am Ende ein Edelstein funkelt“, schrieb Elke Heidenreich über dieses Werk 1996.

Abb. links: La statua della Madonna della Casa Frollo, Giudecca, Dezember 2019. Abb. rechts: l’ingresso principale della Casa Frollo, Giudecca, August 2020. Photographien: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin und Samuel Sackl-Kahr.

Momentan ist die Casa Frollo wieder geschlossen. Ihre Mutation zur Villa F. war nicht von Erfolg gekrönt. Stets zerstören neureiche Immobilisten, habsüchtige Investoren, närrische Hoteliers und ungebildete, machtgeile Politiker einen beträchtlichen Teil unseres historischen Erbes. Der Garten verwildert – die Rasenflächen stehen hoch und trocken im Nachtlicht. Der Haupteingang ist ohne Information versperrt. Die Luft am Kai ist für eine Spätsommernacht sehr klar. Im Zentrum des schwarzen, wolkenlosen Himmels prangt eine Mondhälfte, die den Wandaltar der Madonna an der Fondamenta-Zitelle-Fassade erleuchtet. Sie blickt mit ihrem schlafenden Jesuskind im Arm auf den Canale della Giudecca und wird dieser im Stil des 17. Jahrhunderts erbauten Villa der Grafen Volpi di Misurata hoffentlich weiter segensreich zur Seite stehen.

Abb. links: Postkarte Casa Frollo, 60er-Jahre, Abb. Mitte: La vecchia chiave della stanza del mio patrigno, 60er-Jahre. Abb. rechts: Eingansbereich in aktuellem Zustand, Giudecca, September 2020. Alle Reproduktionen, Objekte und Photographie: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

Wie schrieb Roberto Bianchin in der La Republica in seinem Artikel Prima che Casa Frollo chiuda am 18. Februar 1988 so treffend, als die bezaubernde und unnachahmliche Signora Flora Soldan nach 30 Jahren auf Betreiben des Conte Giovanni Volpi di Misurata die Casa Frollo räumen mußte: „Es ist wie ein Fenster, das sich bald schließen wird, es vertritt eine venezianische Lebensart, die erlischt. Man muß dort gewesen sein, um zu verstehen. In der Casa Frollo verbrachte ich, wie viele andere auch, intensive, einzigartige, unnachahmliche Tage. Und dieses Haus drang langsam und sanft in mein Herz…” (E’ come una finestra che si sta per chiudere, aggiunge un modo di vivere a Venezia che si spegne. Bisogna esserci stati per capire. A Casa Frollo, come molti altri del resto, ho trascorso giorni intensi, unici, inimitabili. E quella casa mi è entrata lentamente e dolcemente nel cuore…)

Über Dunkelheit und Licht – Casa dei Tre Oci | Ruth Landshoff-Yorck | Mario de Maria

Nach Mitternacht.

Die Kandelaber an der Station Zitelle sind abgeschaltet. Das nächste Vaporetto legt erst im Morgengrauen an. Um fünf Minuten nach vier Uhr früh. Casa Frollo, San-Giovanni-Kai und Fondamenta Zitelle sind in völlige Dunkelheit getaucht. Vor mir die Casa dei Tre Oci. Flackerndes Kerzenlicht in der Beletage? Lichtblitze in den drei Augen des Hauses? Der Klang mundgeblasener Champagnerschalen beim zaghaften Anstoßen? Laute und leise Stimmen – aufgebrachte Schreie dazwischen? Hie und da ein Toben, Deklamieren und Lamentieren? Von lautem Gesang unterbrochen? Im Hintergrund Klavierklänge? Der Schatten schemenhafter Tänzer auf seidenen Portieren? Schreie Liebender, die aus einem halbgeöffneten Fensterflügel dringen? Livrierte Diener mit Flambeau am Treppenaufgang? Eine venezianische Abendgesellschaft? Eine Soiree in einem venezianischen Palazzo, wie sie die deutsch-amerikanische Schauspielerin und Schriftstellerin Ruth Landshoff-Yorck in ihrem Roman Die Schatzsucher von Venedig beschreibt? Schicksalhafte Fügungen, die ein amerikanisches Geschwisterpaar mit ihrer nächtlichen Gästeschar durchlebt. Entthronte Könige, ein erfolgreicher Theaterregisseur, reiche und exaltierte Witwen, Revolutionäre aus Südamerika und verarmte italienische Aristokraten, die sich ein Stelldichein geben. Alle sind sie auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Heiligtum – ihrem Glücksgut. Das Abhandenkommen einer kostbaren Brosche, einem kunstvollen Band von Diamantrosen, das von Saphiren und Smaragden unterbrochen ist, löst eine überhastete nächtliche Suchaktion aus. Das kann sich doch heute Nacht in der Casa dei Tre Oci nicht abspielen! Anfang der 30er-Jahre spielt ja die Handlung des Romans. In einem anderen venezianischen Palazzo und nicht im Wohnhaus von Mario de Maria (Marius Pictor), dem Maler, Architekten und Photographen aus der Emilia Romagna. 1912 und 1913 entwarf er dieses außergewöhnliche Gebäude im neogotischen Stil, um seiner über alles geliebten Tochter Silvia ein Denkmal zu setzten. Sie verstarb früh – 1905. Die drei großen Spitzbogenfenster an der Fassade sollen die lebenden Familienmitglieder De Maria darstellen – Mario de Maria, Gattin Emilia und Sohn Astolfo. Das Doppelfenster darüber ist ein Symbol für die kleine Verstorbene. … Mentre Silvietta è rappresentata da una piccola bifora che li sovrasta romanticamente … wie die Venedigexpertin Laura Bumbalova so schön beschreibt.

Poscritto Numero Uno

Il pittore delle lune, wurde Mario de Maria von Gabriele D’Annunzio genannt, da er es mit der Komposition nächtlicher Landschaften zur Meisterschaft gebracht hat. Es ist für mich immer eine Freude, sein monumentales Werk Fine di un giorno d’estate in der Galleria Internazionale d’Arte Moderna Ca’ Pesaro zu betrachten. Veduten und Straßenszenen, in Dämmergrau getaucht, gehören zu den eindrucksvollsten Werken des Künstlers – Finsternis und Lichtschein, hinterleuchtete Durchgänge zwischen dunklen Palazzi, Fassaden im Nachtlicht, illuminierte urtümliche Baumstämme im Finstern. Wie in seinem Ölbild Il Mulino del Diavolo. Ein Maler, der Düsternis mit Mondlicht bestrahlt. Ein großes Vorbild für mich. Als Photograph im Dunkeln. Als nächtlicher Wanderer, der die Route zur letzten offenen Bar auf der Giudecca einschlägt.

Poscritto Numero Due

Bis in die späten 80er-Jahre logierten in der Casa dei Tre Oci internationale Künstler. Beispielsweise der Italiener Vittore Grubicy de Dragon, der nach Italien ausgewanderte armenische Maler Gregorio Sciltian, Friedensreich Hundertwasser, Pegeen Vail Guggenheim (Tochter von Peggy Guggenheim und Laurence Vail), Giorgio Morandi, der Avantgardist Lucio Fontana – durch seine Schnittbilder berühmt geworden – sowie Dario Fo (Theaterautor, Regisseur, Bühnenbildner, Komponist, Erzähler, Satiriker und Schauspieler). Der Architekt Renzo Piano wohnte hier zuletzt. Salvador Dalí, Jean Hélion, Ralph Rumney, Gregor von Rezzori und natürlich meine Großmutter Hertha Kahr machten ihre Aufwartung. 1970 drehte Enrico Maria Salerno einige Szenen seines Films Anonimo Veneziano (mit Florinda Bolkan und Tony Musante in den Hauptrollen) im Obergeschoß des Gebäudes. Nach einer längeren, sehr behutsamen Restaurierung durch die Fondazione di Venezia und der Wiedereröffnung im Jahre 2012 ist dieser Palazzo exclusiver Ausstellungsraum und Zentrum für Photographie. Workshops, Seminare, Konferenzen und wichtige monografische Ausstellungen internationaler Photographen – Elliott Erwitt, Sebastião Salgado, Berengo Gardin, René Burri, Helmuth Newton, David LaChapelle – vervollständigen das Spektrum des Hauses. Es beherbergt auch die Fotosammlung der Fondazione di Venezia sowie das Archivio Italo Zannier, das eine riesige Bibliothek sowie 2.000 Fotografien vom 19. Jahrhundert bis in die Neuzeit umfasst.

Poscritto Numero Tre

In der Bar Zitelle neben der Casa dei Tre Oci traf ich heute den kubanischen – seit vielen Jahrzehnten auf der Giudecca wohnenden – Künstler Domingo de la Cueva, der mir Anekdoten über meinen Stiefvater erzählt. Beide wohnten Anfang der 70er-Jahre Tür an Tür in der Casa Frollo. Er erinnert sich auch an viele niemals publizierte biographische Details über Mario de Maria und Gregorio Sciltian. Letzteren besuchte er oft in seinem Atelier auf der Giudecca. Domingo de la Cueva selbst ist nicht nur Creatore di gioielli, sondern auch Designer delikater Preziosen, die er mit seinem Freund Gianni Pappacena erstmals 1974 in den USA ausstellte. Als modèle exceptionnel präsentierte Paloma Picasso immer wieder gerne seine außergewöhnlichen Schmuckstücke.

Poscritto Numero Quattro

Liselotte Hohs, Giudecca 2020. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin. Eintrittskarte und Notizblock der XXXI Biennale di Venezia, 1962. Portrait Liselotte Hohs mit einer umseitigen Widmung von Paolo Monti … per amico e collega Hertha Kahr …, 1962. Objekte: Collezione Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

In der Bar Zitelle trank ich am gleichen Tag auch mit Signora Liselotte Hohs (Animal Magnetism – Una nuova grande mostra della maggiore textile artist a Venezia – Sale Monumentali della Biblioteca Nazionale Marciana) einen Frühstückskaffee. Um einige Schwimmlängen zu absolvieren, war sie gerade zum Morgensport auf dem Weg von der Zitelle-Station ins Hotel Cipriani an der Fondamenta S. Giovanni. Die in Venedig lebende Malerin, selten in ihrer Wiener Villa anwesend oder bei ihrem Enkel zu Besuch in Graz, ist eine überaus charmante Dame, die gerne außergewöhnlichen, modernen Schmuck trägt. Ihr zauberhafter Garten inmitten von Dorsoduro, voller Statuen und Skulpturen, die sich zwischen mediterranen Pflanzen verstecken, ist berühmt. Trotz ihres leicht vorgerückten Alters ist in Signora Hohs’ Herzen bis heute das strahlende junge Mädchen mit spritzigem Geist präsent. Im vorigen Jahrhundert mit Gregorio Sciltian, Pegeen Vail Guggenheim und vielen anderen Künstlern eng befreundet, bündelt sie mittels ihrer Erinnerungen ein riesiges Archiv der untergegangenen venezianischen Kunstszene. An unser erstes Treffen kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Es war auf der Biennale 1962 und ich war genau zwei Jahre alt. Sie war der Star der Eröffnung und wurde vom italienischen Architekturphotographen Paolo Monti als l’angelo dell’arte inszeniert. Im selben Jahr fand auch ihre vielbeachtete Ausstellung in der Galleria Toninelli in Rom statt.

Mit meinem Sohn Samuel auf der Giudecca – Erinnerungen und Recherchen

Wir haben wie immer unser Zuhause nächst der Haltestelle Zitelle. Hier, auf der Giudecca, in der Casa Frollo, wohnte ich das erste Mal im September 1960, als ich sechs Wochen alt war. In der Folge kehrte ich 30 Jahre hier ein. Seit dieser Zeit hat sich leider viel verändert. Nicht nur der kleine Friseursalon zwischen Casa Frollo und Casa dei Tre Oci – Enrico Maria Salerno drehte hier 1970 seinen wunderbaren Film Anonimo Veneziano – existiert schon viele Jahrzehnten nicht mehr. Auch die romantische Pensione selbst (un piccolo e delizioso albergo veneziano), ein Zufluchtsort vieler Literaten, bildender und darstellender Künstler, wurde Ende der 80er-Jahre geschlossen. Selbst das Komitee zur Erhaltung der Casa Frollo unter dem Vorsitz des Mailänder Anwalts Giovanni Salvati konnte dies nicht verhindern. Dieses Kuratorium wurde von langjährigen Gästen aus Frankreich, England, Deutschland und den Vereinigten Staaten ins Leben gerufen, um den Palazzo zu erwerben und dessen unverändertes Weiterbestehen zu sichern. Auch die Tageszeitung La Repubblica engagierte sich für dieses Haus und widmete dem Thema Comitato di difesa Casa Frollo viele redaktionelle Beiträge (u. a.: Prima che Casa Frollo chiuda, 18 febbraio 1988). In den USA war das Interesse der Stammgäste besonders groß. Beispielweise erschien in der New York Times am 10. August 1986 der ausführliche Artikel There’s No Place Like a Pensione. Darin beschreibt die Journalistin das Haus folgendermaßen: The Casa Frollo is perhaps the most romantic of the Venetian pensioni, with its almost palpable ghosts of strait-laced chaperones and their charges poring over Baedekers in the straightbacked chairs or strolling in the large garden behind the pensione, faithfully following in Ruskin’s footsteps on their Grand Tour. Leider blieb jeglicher Einsatz unbelohnt. Nach einem Jahrzehnt des Stillstands gehört die Casa Frollo seit 2011 nun zur Bauer-Hotelgruppe und wird als Villa F. verkauft. Das erinnert sehr an den Namen eines einschlägigen Etablissements. Die Gestaltung des Interieurs würde dazu passen – eine Melange aus vulgärem Luxus und glanzlos-glamouröser Staffage. Der Preis für eine Übernachtung – senza colazione – bewegt sich im vierstelligen Eurobereich. Russische Oligarchen sind eventuell ein neues Klientel. Glücklicherweise konnte Nicolas Roeg 1972 noch einige Szenen seines Films Don’t Look Now mit Julie Christie und Donald Sutherland im Salon des damals noch unrenovierten Palazzo mit seiner dezent-vornehmen Ausstrahlung realisieren. Ich erinnere mich, daß mein Stiefvater das ganze Filmteam zu einem Umtrunk unweit des Drehortes einlud. In eine heute nicht mehr existierende Osteria, die sich an der Ecke des Hauses Fondamenta Croce und Rio della Croce befand und eine kleine, im Seitenkanal schwimmende Terrasse hatte.

Mein Stiefvater, Dr. Alfred Fontano von Zwentendorf, doziert 1978 auf Burano über Hemingways Saufgelage in Venedig. Seine Erstausgabe von Across the River and into the Trees, deren Umschlagbild von Adriana Ivancich gezeichnet wurde. Darauf ein “Dunhill Art Deco Gold Lighter“, sein Lieblingsfeuerzeug, das meine Großmutter in den 60er-Jahren gebraucht bei einem Juwelier in der Calle Fondaco dei Tedeschi erworben hat. Sechsjährig stehe ich 1966 vor der Casa Frollo. Jonny ohne Filter – diese Zigarettenpackung meines Stiefvaters habe ich nie weggeraucht. Sie liegt stets ungeöffnet vor meinen Hemingway-Ausgaben. Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin, Alfred Fontano von Zwentendorf.

Wir sitzen zusammen im Rosengarten, wo mein Stiefvater mit mir jeden Sommer saß und Unmengen seiner Lieblingszigarettensorte Jonny ohne Filter rauchte. Drohten sie auszugehen, wurde Herr Gadjia, ein braungebrannter, vornehmer Herrenfahrer, stets in Maßblazer und mit englischer Clubkrawatte, im Café Columbia in Graz angerufen. Mit seinem beeindruckenden, weißwandbereiften Opel Diplomat V8 brachte er dann Nachschub – einige Stangen Zigaretten und die aktuelle Ausgabe der Wochenpresse – vom Grazer Bismarckplatz zur Piazzale Roma nach Venedig. In den 60er-Jahren lebte noch die Hausbesitzerin, eine Dame der venezianischen Aristokratie. Persönlich kontrollierte sie täglich die Zubereitung der Speisefolgen in ihrer imposanten Küche, die mit historischem, gußeisernen Kochgeschirr drapiert war. Und auch Signore Aldo Soto lebte noch – genoß das Sonnenlicht sommers wie winters in seinem Savonarolastuhl, eingehüllt in dicke Wolldecken. Ein pensionierter Offizier, der unter den Königen Umberto I. und Viktor Emanuel III. gedient hatte. Sein Cousin Hugo de Soto, ein kubanisch-amerikanischer Künstler, in den 60er-Jahren einige Jahre im Dachgeschoß der Casa Frollo wohnhaft, fertigte wundervolle Federzeichnungen von der Giudecca an – beispielweise besonders feine Interieuransichten des Salons mit dem Canale della Giudecca und San Marco im Hintergrund. Viele amerikanische Künstlergäste nahmen diese Werke als Erinnerung in die Staaten mit. Es war das Jahrzehnt nach Hemingways letztem Besuch, dem Zusammentreffen mit seiner überirdisch schönen Muse Adriana Ivancich und der Publikation des aus dieser Begegnung enstandenen Romans Across the River and into the Trees.

Abb. von links nach rechts: 1970 – Film Still aus Enrico Maria Salernos Film Anonimo Veneziano – im Hintergrund die Casa dei Tre Oci und rechts daneben die Casa Frollo. Unvergesslich die Melodien des Filmkomponisten Stelvio Cipriani. Mein Stiefvater 1976 vor der Casa Frollo. Eine Federzeichnung des Hauses von Hugo de Soto aus dem Jahr 1966. Das Originalplakat zu Nicolas Roegs Film “Don’t Look Now“, im deutschsprachigen Raum unter dem Titel “Wenn die Gondeln Trauer tragen“ bekannt. Einige Szenen dieser Produktion spielen in der Casa Frollo. Die wunderschön gestaltete Website The LondoNerD mit einem Beitrag über den Film und die Casa Frollo. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Landvenedig

Spaziergänge auf der Insel San Francesco nel Deserto. Auf Torcello. Auf San Lazzaro. Im Mechitaristenkloster die Bibliothek der Handschriften in Armenisch und Griechisch. Das Konsultationsbuch mit der Besuchereintragung Lord Byrons. Im Empfangszimmer das Gemälde des Kaisers von Österreich neben dem Portrait des türkischen Sultans. Die Brücken der orientalischen und der abendländischen Kultur sind hier offensichtlich. Bildnerisch, architektonisch und im historischen Sinne sprichwörtlich. Gläsernes Murano. Mond- und Straßenlampen beleuchten Weinpokale und Becher. Nächtliche Photographien von Vasen und Kelchen, deren reflektiertes Licht an den Schein geschliffener Edelsteine erinnert. … als wenn es mit Diamanten unter den weissen geschlängten Streiffen versetzet … schrieb Adam Ebert in seiner italienischen Reisebeschreibung unter dem Pseudonym Aulus Apronius 1724.

Stadtvenedig: Kerzenbeleuchtete Wandaltäre in einsamen Gassen – Landvenedig: Blitzende Glasobjekte im nächtlichen Murano. © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Stadtvenedig

Die Mauern der Universität Ca’ Foscari breiten Abendschattenstreifen im letzten Kanalsonnenlicht aus. Die Stadt schwärzt sich. Kerzen im Gotteswinkel tauchen den Madonnenleib, vom rostigen Gitterbogen beschützt, in flackerndes Licht. Das Antlitz des Jesuskindes ist hinter welken Rosen verborgen. Fischgeruch und Brackwasserdunst sind das Parfum der Theaterbühne, das sich durch die engen Gassen der Nacht seinen Weg bahnt. Am Ende einer Spätmesse mischt sich darüber hinaus eine leise Spur von Weihrauch zu diesem olfaktorischen Ornament. Eine himmlische Szenerie der Hölle. Oder die höllische Szenerie des Himmels? Deo gratias ist Venedig die Stadt der Trinker. Gegen den nächtlichen Durst und als Labung gibt es Wein – ombra – und viele Sorten Grappe im Übermaß. Den atemberaubend eleganten Cleopatra Moscato Oro muß ich besonders hervorheben. Zwischen dem Durchreisen zweifelhafter Kaschemmen in Santa Croce und letztklassiger Touristenfallen um San Marco ist es notwendig, den Besuch gepflegterer Etablissements ins Auge zu fassen. Der Genuß eines Buona notte Amigos in der Cipriani Bar, von Maestro Bolzonella persönlich gemixt, ist so unvergesslich, wie eine gelungene Fenice-Premiere. Als Erfrischung bietet sich zwischendurch auch ein Sgroppino an der Bar Longhi des Hotel Gritti an. Oder der unübertroffene Venetian Cobler in der Arts Bar des The St. Regis Venice, der nachweislich gegen flügelschlagende venetianische Löwen hilft. Sie umkreisen nämlich gerne in vampiristischer Manier meinen Kopf, wenn die Nacht im Sterben liegt. Mein Stiefvater hat mir dagegen schon früh sein Geheimnis verraten: Bei Barbesuchen empfiehlt es sich, immer drei gleiche Drinks hintereinander zu bestellen. So vermeidet man das unselige Cocktail-Potpourri und gedenkt gleichzeitig der letzten drei Besuche Ernest Hemingways in Venedig 1948, 1950 und 1954. Erst sehr spät sollte der letzte trockene Martini folgen. Im Morgengrauen. Dann fliegt ein Doppeldecker über die Insel San Michele. Igor Strawinsky, Ezra Pound und Sergei Pawlowitsch Djagilew erweisen dem Piloten als erste Sonnenstrahlen des Morgens ihre Hochachtung.

Abb. links: Papa Ernest Hemingway in Harry’s Bar – eine Photographie mit Widmung an meinen Stiefvater. Mitte: Aus meiner photographischen Serie “Venice Night“: … Im Morgengrauen. Dann fliegt ein Doppeldecker über die Insel San Michele … Abb. rechts: Le Giornate in Villa Ivancich – Erinnerung an eine wundervolle Veranstaltung in der Villa Ivancich in San Michele al Tagliamento im Jahre 2017 über die Freundschaft zwischen Ernest Heminway und Conte Gianfranco Ivanchich. Es moderierte Roberto Vitale, Präsident des “Premio Giornalistico Papa Ernest Hemingway“ aus Caorle. Gäste waren Richard Owen, Schriftsteller und Journalist der Times, Rosella Mamoli Zorzi, Amerikanistin und Professorin an der Università Ca’ Foscari in Venedig sowie der Militärhistoriker Massimiliano Galasso und natürlich die Tochter von Conte Ivancich, Irina Ivancich Biaggini. Reproduktionen: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin

Meine vermutlich erste Erinnerung an die Photographie

Ein sehr entfernter, gedämpfter und beruhigender Lichteinfall durch das Glasdach des Ateliers meiner Großmutter in Triest, wahrgenommen im Kinderwagen. Sie benutzte gern das Tageslicht und formte es mit einem System aus über- und nebeneinander verschiebbaren Leinenvorhängen.

Also ein klassisches Fotoatelier der alten Zeit, dessen Oberlicht vermutlich meine ersten Wahrnehmungen und die daraus folgenden Tagträume bestimmte. Zu diesem Diarium des Erinnerns gesellten sich Geräusche aus ihrem Fotolabor sowie das Pfeifen der Bialettimaschine – einer alten Moka Express -, stets gefolgt vom sich sich ausbreitenden Duft frischen Kaffees.

Später, in meiner Volksschulzeit, durfte ich in Großmutters geheimem Reich, meinem Kindheitsparadies, uneingeschränkt schalten und walten. Da gab es Magazine mit ausrangierten, teilweise reparaturbedürftigen Atelierkameras samt hölzernen Rollstativen des Urgroßvaters aus Berlin. Er wanderte wegen der klimatischen Bedingungen Ende des 18. Jahrhunderts nach Triest aus und brachte viele Geräte mit, die meine Großmutter teilweise in den 1960er-Jahren noch benutzte. In ihrer Sammlung befanden sich Objektivstandarten, Objektive, Negativkassetten, ausrangierte Balgen und wunderbar gestaltete Sperrholzschachteln, in denen zur Jahrhundertwende Albuminpapier verschickt wurde. Alles spannender und großartiger Ersatz für Spielzeug, das mich wenig interessierte: langweilige Eisenbahnmodelle, Spielautos, Legobaukästen und nutzloses Holzspielzeug. Außerdem entdeckte ich die schönsten Theaterrequisiten. Unzählige eingerollte, schon teilweise von Motten angeknabberte Landschaftshintergründe, grisaillebemalte Textilstoffe, auf denen feudale Interieurs oder arkadische Landschaften abgebildet waren, um den im Atelier gefertigten Portraits im Hintergrund eine Andeutung von Exklusivität, herrschaftlicher Privatheit oder entspannter Atmosphäre zu verschaffen.

Abb.: Aus meiner Kinderspielzeugsammlung: Trockenplattenboxen von Gevaert, Erneman, Au Bon Marché (Aristide Boucicauts hauseigene Pariser Marke), Isopan-Rollfilmdosen und Filterboxen. Abb. in der Mitte: Großmutters Fiat Musone 1100 vor der alten Wohnung, Piazza Sant’Antonio Nuovo, Trieste 1951. Abb.: © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste/Robert W. Sackl-Kahr Sagostin..

Meine Großmutter erklärte mir früh die Grundlagen der Photographie. Gemeinsam experimentierten wir mit Kollodiumplatten, einer Technik der Frühzeit. Zur Herstellung von Nassplatten benutze ich viel später, Anfang der 80er-Jahre, gerne schon verwendete Gläser, die ich partiell abgeschabt, mit Lösungen von Kollodiumwolle, Iod- und Bromsalzen in Ethanol und Äther übergoss, um sie nach Trocknung und einer Behandlung mit Silbernitrat neuerlich zu verwenden.

Dieser Rausch aus Kreativität und nicht enden wollendem Einfallsreichtum, den meine Großmutter nicht nur in der Photographie, sondern auch im Alltag lebte – seien es Entwürfe für neue Kleider, Bleistiftskizzen und Aquarelle für Schmuck- und Gebrauchsgegenstände – bestimmten meine Kindheit bis zum Beginn eines achtjährigen Martyriums, das einen Teil meines Lebens nutzlos und nachhaltig vernichten sollte: meiner Mittelschulzeit in Graz. Und auch diese herrliche, gleichzeitig verrückte Bora ging mir in dieser Stadt ohne Meer entsetzlich ab. Gott sei Dank konnte ich mich schon in der Unterstufe heimlich aus dem katholischen Internat durch einen Hinterausgang des Sportplatzes davonstehlen und wichtige Termine wahrnehmen. Nämlich Besuche bei meiner Großtante Clara, die ein herrlich antiquiertes Fotoatelier neben der Kirche hinter dem Mariahilferplatz betrieb, samt verwildertem Garten, Musikpavillon und Igelhaus. Von ihr wurde ich stets mit frischgebackenen Kokosbusserln, Mandelkeksen und Husarengebäck aus sehr rumhaltigem Teig verwöhnt, von dem sich auch ihre alte, überaus beleibte Schäferhündin Asta zu ernähren schien. Auf ihrem Wohnzimmertisch zwischen Teigkrümeln, mit selbstangesetzten Liqueuren gefüllte Glasflacons, Kaffee- und Kakaotassen versuchten meine Großtante und ich stets eine wachsende Ansammlung von ausgearbeiteten Fotoabzügen zu ordnen und mit einem Büttenmesser zu beschneiden. Mindestens einen halben Meter hoch war dieser Bilderberg, und die Kunden meiner Großtante verzweifelten immer wieder ob der langen Lieferzeiten. Besonders über einen Auftrag von Hochzeitsbildern, die meine Großtante in Marburg in der Untersteiermark anfertigte, amusierten wir uns königlich. Die Bilder tauchten erst nach einem Jahr auf – das Ehepaar war gerade frisch geschieden.

Das Leben in der Stadt der Bora. Die Tochter des Gottes der Winde wird in Segna geboren, herrscht in Fiume und stirbt in Triest. Abb. links: La Bora di Trieste – Passeggio S. Andrea. Abb. Mitte: Die Seile der Stadtverwaltung sind legendär. An ihnen konnte man sich festhalten oder angurten, wenn es die Bora allzu stark trieb. Abb. rechts: Tuschzeichnung „Benedetta la Bora de Trieste / che alle belle ragazze alza la veste“ aus dem alten Caffè Stella Polare, das während der angloamerikanischen Besetzung in einen Tanzsaal umgebaut wurde, in dem amerikanischen Soldaten Bekanntschaft mit Schönheiten aus Triest schließen konnten. Abb.: © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste.

Besuche bei meinem Großonkel Benno, der sein Atelier am Karmeliterplatz direkt am Schloßbergaufgang betrieb. Er erzählte von seinem Bruder Uto, der in Addis Abeba Privatsekretär des letzten Kaisers von Abessinien, S. M. Haile Selassie, war. Und über die Reisen auf seiner Puch, die ihn in den zwanziger Jahren am Landweg bis nach Peking geführt hatte. Die einzigen Gepäcksstücke – sein ganzer Stolz – eine Schraubleica, sowie Stativ, Zahnbürste und englisches Bienenwachs zum Polieren der Motorradstiefel. Von ihm lernte ich viel über Lichtsetzung in der Portraitphotographie sowie den Umgang mit Lasurfarben bei der Pinselretusche.

Abb. links: Uto Kahr, Privatsekretär S. M. Kaiser Haile Selassie in Addis Abeba. Ein Replikat seines Ordens trug er in Europa stets als Krawattennadel. Seinen goldenen Bleistift am Revers – ein Geschenk des Kaisers – trage ich seit vielen Jahren (siehe das Foto in der Rubrik ÜBER MICH). Abb. Mitte: Der Orden vom Siegel Salomons (durch Kaiser Yohannes IV. von Abessinien im Jahr 1874 als Verdienstorden gestiftet). Abb. rechts: S. M. Haile Selassie, Kaiser von Äthiopien, Neguse Negest (König der Könige), 225. Nachfolger des Königs Salomon. Abb.: © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste.

Er war ein Meister seines Fachs und beherrschte auch die Nachbearbeitung von Schwarz-Weiß-Negativen und Glasplatten. Stundenlang beobachtete ich ihn, wie er auf den Schichtseiten durch feine Schraffierungen Schatten und kleine Fältchen aufhellte.

Nach unrühmlichen Auftritten war meine Laufbahn im Marieninstitut am Ende der Unterstufe beendet. Die zwangsweise Dislozierung ins musisch-pädagogische Gymnasiums am Hasnerplatz machte die nächsten Jahre bis zur Matura etwas erträglicher. Meine Mutter, die keine große musische Veranlagung hatte, kommentierte:

Die 70er-Jahre: Abb. links: Dr. Alfred Fontano von Zwentendorf mit den Swing Brothers beim Internationalen Jazzfestival in Montreux, 1970. Abb. rechts: Neben Triest existierten bis 1976 Ateliers am Tivoli in Ljubljana und im Bezirk Geidorf in Graz. Abb.: © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste.

„Du hast mein Leben zerstört!” Meine Großmutter meinte dazu sehr amusiert: „Bravo caro bambino – tu sei in libertà.”

Zwecks Durchführung von Bildaufträgen für eine Tageszeitung, Vorbereitung kleinerer Ausstellungen von eigenen Graphiken und Photographien sowie künstlerischer Séancen auch unter Einwirkung verschiedenster phantastischer Substanzen, besuchte ich den Unterricht selten. Meinen Vater Yuliy Vladimir Baron von Sagostin konnte das nicht beunruhigen. Als Schloßherr, nächst Kronstadt, verkrochen in seinem transsylvanischen Anwesen und nur einmal monatlich als Leibarzt von höchsten Funktionären der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken tätig, pilotierte er eine seiner zahlreichen Maschinen zwischen Moskau und Bukarest. Wenn er nicht gerade mit Ana Aslan im Casino von Constanța speiste oder neue Procainpräparate ausprobierte. Ich sah ihn sehr selten. In meinem Leben vielleicht dreimal. Öfters sah ich meinen Stiefvater, den Chemiker, Philosophen, Opern-, Jazz- und Venedigenthusiasten Alfred Fontano Ritter von Zwentendorf, der bei Amadeo Graf Silva-Tarouca am philosophischen Institut in Graz promovieren durfte – zusammen mit seinem Studienfreund Rudolf Haller. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die zu einem späteren Anlass genauer erwähnt werden muß.

Abb. links: Vlad III. Drăculea, Abb. Mitte: Dr. Yuliy Vladimir Baron von Sagostin, Abb. rechts: Григорий Ефимович РаспутинGrigori Jefimowitsch Rasputin. © Archivio Fotografico Hertha Kahr, Trieste. Neben seinen medizinischen und photographischen Tätigkeiten forschte mein Vater in rumänischen und russischen Archiven nach Dokumenten und Aufzeichnungen über den walachischen Fürsten Draculea (Vlad Țepeș) – sozusagen sein transsylvanischer Schloßnachbar – sowie über den Geistheiler Grigori Jefimowitsch Rasputin, dem er als Kind in St. Petersburg bei einem Tee-Empfang der Romanows persönlich begegnet war. Rasputin war meinem Vater aufgrund der erfolgreichen paranormalen Heilungungsmethoden und der krankheitslindernden Wirkung seiner übernatürlichen Kräfte zeitlebens ein Vorbild als Mediziner.

Und auch noch eine weitere Geschichte, jene von der Kindheit meiner Großmutter in Triest, wird zu erzählen sein.

Von James Joyce, der im Nebenhaus wohnte und sie öfters nach der Schule auf eine heiße Schokolade in die Pasticceria Pirona einlud, wo er gerne seine Texte überarbeitete. Gerade diese Erinnerungen, ihre An­ek­do­ten über das einzigartige Flair des habsburgischen Triest und die literarische Szene in dieser österreichisch-slawisch-italienisch geprägten Stadt am Meer, ihre Erzählungen über Italo Svevo, Lina Galli, Umberto Saba, Scipio Slataper, Giani Stuparich, Roberto Bazlen, Boris Pahor, Alma Morpurgo und viele andere Autorinnen und Autoren haben meine graphischen und photographischen Tätigkeiten maßgeblich beeinflusst. Nicht zu vergessen der österreichische Geheimdiplomat, Journalist, Publizist und Statistiker Chevalier Louis Antoine Debrauz de Saldapenna, der 1811 in Triest geboren, lange Zeit in Paris lebte.

Und verschiedenste Erzählungen über Kaffeehäuser wie Caffè San Marco, Tommaseo, Stella Polare, Caffè degli Specchi, Tergesteo, Torinese, Urbanis, Pirona, Torinese und Penso gilt es auch zu notieren…

Im Caffè San Marco, Via Cesare Battisti, Triest 2018. Lieblingsort u. a. von Italo Svevo, James Joyce, Umberto Saba, Giani Stuparich, Giorgio Voghera, Fulvio Tomizza, Scipio Slataper und Claudio Magris. Letzterer startete 2013 mit Stammgästen eine erfolgreiche Kampagne gegen die Schließung des Cafés. Seitdem ist im linken Flügel des Etablissements eine Buchhandlung untergebracht. Sozusagen ein literarischer Fluß, der sich zwischen literarischen Stränden – gegenüberliegenden Reihen von Marmortischen – mäanderartig seinen Weg bahnt. Besonders zwei Schriftsteller haben diesem Café ein poetisches Denkmal in Form außerordentlicher Zuneigung errichtet: Stelio Vinci (Al Caffè San Marco. Storia Arte e Lettere di un Caffè Triestino, Edizioni Lint, Trieste, 1995 und Caffè San Marco. Un secolo di storia e cultura a Trieste 1914-2014, Comunicarte, Trieste 2014.) und Claudio Magris (Die Welt en gros und en Détail, Kapitel Café San Marco, Carl Hanser Verlag, München/Wien, 1999). Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

…und Erinnerungen an hunderte Spaziergänge im Schloßpark von Miramare. Die feierliche Stimmung, die immer am 18. August spürbar war…

Ein Sommerabend im Schloßpark von Miramare, Triest 1982. Auf dem Weg von der Marina Protetta zum Laghetto delle ninfee. Ein Testbild mit der Sinar meiner Großmutter. Um Plattenwechsel zu vermeiden, der Einfachheit halber mit eingeschobener 220er-Rollfilmkassette fotografiert. Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.

…und von Gustav Ritter von Kahr…

…Jurist und Politiker, der 1862 in Weißenburg geboren wurde und von März 1920 bis September 1921 als bayerischer Ministerpräsident und Außenminister amtierte. Dr. Gustav von Kahr wurde nach dem sogenannten Röhm-Putsch im Juni 1934 im KZ Dachau ermordet. Der Schriftsteller Thomas Mann notierte darüber am 6. Juli 1934 in sein Tagebuch: Am kennzeichnendsten vielleicht die scheußliche Ermordung des alten Kahr in München, die einen politisch völlig unnötigen Racheakt für Verjährtes darstellt. Es zeigt sich da, was für ein Kujon dieser Mensch [Hitler] ist, den viele für besser als seine Bande halten, was für ein Vieh mit seinen Hysterikerpfoten, die er für Künstlerhände hält (Thomas Mann, Tagebücher 1933-1934; Hrsg. v. Peter de Mendelsohn; S. Fischer Verlag, 1977).


Abb. von links nach rechts: Dr. Gustav von Kahr als Regierungspräsident von Oberbayern im Jahre 1922 (Foto Wilhelm Kahr); Silberne Ta­ba­ti­e­re mit der Abbildung eines Schauguldiners von 1507 (Wappen der Herzöge in Bayern); Gustav von Kahr im Arbeitszimmer der Präsidentschaftskanzlei 1920; Das Wappen des Königreichs Bayern (bis 1918); Thomas Mann, Tagebücher 1933-1934; Ein Geschenk zur Ernennung zum bayerischen Ministerpräsidenten – die silberne Zigarettendose aus dem Jahre 1920 mit dem Wappen der Weimarer Republik (1919-1933). Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin (Sammlung Hertha Kahr, Trieste)

…und letztlich auch von Alois Kahr…

Hofrat Dr. Alois Kahr war multilingual. Er beherrschte 16 Sprachen in Wort und Schrift. Zusätzlich viele russische, tschechische und ungarische Regiolekte. Als Dechiffrier-Spezialist half ihm seine außerordentliche mathematische Begabung. So konnte er sogar im Kopf polyalphabetische Übertragungen durchführen, ohne auf die Hilfe von Rotor-Schlüssel-Maschinen angewiesen zu sein. Spezialisiert hatte er sich auf die Verschlüsselungsmethode der Fialka-Modelle – sozusagen eine Weiterentwicklung der Enigma – die mit 10 Rotoren arbeiteten. Er beschäftigte sich aber nicht nur mit Kryptologie, sondern war auch als Kulturattaché in Moskau, Bukarest, Prag und Ostberlin tätig. Von ihm werde ich in meinem Blog noch erzählen. Seine Zeit, die er im Ostblock während des Kalten Krieges verbrachte, war spannender als viele Romane und Filme, die abwehrdienstliche Handlungen zum Inhalt haben. Einer geheimdienstlichen Intrige zum Opfer gefallen, erlebte er nicht mehr den Austausch gegen einen in Moskau in der Lubjanka einsitzenden US-Beamten und starb 1970 in der Krankenabteilung der Strafanstalt Stein in Österreich.

Abb. links: mechanische Taschenuhr von Exacta-Vostok aus den UdSSR. Abb. Mitte: 1-Rubel Münze zum 100. Geburtstag von Wladimir Iljitsch Lenin. Darunter: Schlüsselscheiben einer Fialka M125-3MN. Foto: Paul Hudson (Lizenz). Die Fialka war eine sowjetische Chiffriermaschine mittels Schlüsselscheiben, die in zahlreichen Ländern des Warschauer Pakts eingesetzt wurde. In der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Fialka M-125MN ab dem Jahr 1968 verwendet. Das Folgemodell, die Fialka M-125-3MN folgte 1978. rechts: Medaille als Bronzeteller zum 100 Geburtstag von Wladimir Iljitsch Lenin aus der DDR (Sonderauflage für die SED-Betriebsparteiorganisation im MfS). Abb. außer Fialka-Foto: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.
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Legenden, Chroniken und Phantasmen von Badr al Din.

Die Sonnenreflexion im schattigsten Eck der Djemaa el Fna wo der Weg in die kühlen Soukhs führt. Ein Lichtschein auf dem zerbrochenen Brillenglas von Badr al Din, dem Erzähler und Poeten. Wie jeden späten Nachmittag, wenn ich ins Café gehe, sieht er mich sofort und winkt mich zu sich. Er trägt seinen Zuhörern, die ihm an den Lippen hängen, unzählige Märchen, Lieder und Rätsel der alten Berbervölker vor. Und erzählt sie in Tamazight, dem heute noch im Mittleren Atlas gesprochenen Berberdialekt.

An manchen Tagen wühlen seine Geschichten auf und verfolgen mich bis tief in die Nacht. Berührt, gerührt und manchmal irritiert versuche ich dann diese fantastischen Anekdoten aus meinem Kopf zu verbannen, indem ich sie auf Büttenpapier und alte Photographien zeichne, in weißer Tusche niederschreibe und bis zum Morgengrauen katalogisiere.
Heute ist der Tag des Opferfestes Eid al-Adha ( عيد الأضحى). Deshalb erzählt mir mein verehrter Poet und Zauberer Badr al Din Bouanani das Märchen anhaara edh anhar en sukkar, walli vu en tazemmeeth!

Heute ist der Tag des Zuckers, nicht des Knetbrotes!

Seine lebendigen Darstellungen werden mich immer begleiten. Das Märchen von Prinzessinnen und Prinzen in goldbestickten Dschallabas. Die Erzählung vom verzauberten Dolch des Sultans, der sich in eine singende Storchenfeder verwandelt. Von Hiais, die in goldenen Fingerhüten Unterschlupf fanden und dort Kif rauchend Tee tranken. Vom Magier und Koch des Königs, der jede Prise Kurkuma auf gegrillten Gambas am Feuer in Diamantsplitter verwandeln konnte. Die Legende von den Romanzen und gefährlichen Abenteuern der atemberaubend schönen Königin Ningam Tigrib.

Nicht zu vergessen sein schöner Vorname Badr al Din, welcher übertragen Vollmond des Glaubens bedeutet.

Badr al Din auf der Djemaa el Fna in Marrakech. Abb.: © Robert W. Sackl-Kahr Sagostin.